Von einem Maschinenbau-Unternehmen
(Autor: Olli, 20.12.98
Anmerkung: Ich habe lange überlegt, ob ich diese Story mit hinein nehmen soll, denn:
a) liegt sie schon einige Jahre zurück,
b) ist sie nicht mir, sondern einem Bekannten zugestoßen und
c) habe ich damals selbst noch gar nicht begriffen, was eigentlich das Traurige an der Geschichte ist - dazu mußte ich erst mehr Berufserfahrungen sammeln.)
Ein Schulkollege von mir bewarb sich nach absolviertem Abitur zur Lehre bei einem Maschinenbauer. Immerhin wollte er erst die Grundlagen seines Berufes kennenlernen, bevor er ein entsprechendes Studium absolviert - eine bewundernswerte Tat.
Ein Vorstellungsgespräch im eigentlichen Sinne gab es nicht, statt dessen wurden für die Vorauswahl erst einmal alle Bewerber für diese Lehre in einem Saal zusammengezogen und einem Intelligenztest unterworfen (Die Sache fand 1985 herum statt, da war das gerade groß in Mode und das Neueste in Sachen qualifizierter Personalauswahl).
Natürlich mußte der Test und vor allem die beabsichtigte Auswertung erst erläutert werden. Es stand also jemand vor den ganzen Leuten und erklärte, daß das Testergebnis grafisch ausgewertet werden würde. Jeder Bewertungspunkt wird dazu in ein Diagramm eingetragen. Im Diagramm gäbe es zwei Grenzlinien:
graphic liege jemand unter der unteren, naja, dann müsse er noch an sich arbeiten...
graphic liege er über der oberen, naja, dann sei er eigentlich für einen anderen Job geeigneter !
HABEN SIE ES GERADE GEMERKT? NA, HABEN SIE?
Nein, doch nicht?
*seufz*
Also: der Witz bei der Sache ist, daß normalerweise aus Lehrlingen Gesellen werden und aus einigen dieser Gesellen Meister, nämlich hoffentlich die Cleversten und Qualifiziertesten. Und die Meister sind diejenigen, die eine Fertigung am Laufen halten müssen.
Und wozu war dieser Test unter anderem gedacht? Ausgerechnet die Cleversten und Qualifiziertesten sollten mit ausgefiltert werden!
Man muß sich einmal vorstellen, welchen Mangel an jeglicher unternehmerischer Qualifikation, an jeglicher Kenntnis der Bedürfnisse einer real existierenden Fertigung und überhaupt an gesundem Menschenverstand jemand haben muß, um sich so etwas auszudenken!
Bestimmt rennt heute irgendein schlauer Kopf verzweifelt durch das Werk und betreibt Feuerwehr: "Mein Gott, die Leute sind so blöd..."
Erstens: was spricht denn dagegen, wenn jemand vielleicht in dem einen oder anderen Punkt für einen Job überqualifiziert erscheint? He, vielleicht macht ihm halt' einfach gerade diese Tätigkeit 'ne Menge Spaß. Anstatt diese Leute zu eliminieren, ist es doch viel sinnvoller, sie zu identifizieren und zu fördern. Mensch, vielleicht ist der sogar so clever, daß man ihn ins Konstruktionsbüro stellen kann - um den Fachidioten auf die Finger zu klopfen, bevor sie irgendwas verbrechen, das sich gar nicht fertigen läßt. Boh ey, ist doch einmal ein ganz neuer Gedanke...
Zweitens: Sagt die Intelligenz (sofern Intelligenztests überhaupt etwas über Intelligenz aussagen - ich habe schon alle Werte zwischen Affe und Genie gehabt) nichts darüber aus, wie befähigt jemand für etwas ist. Erst recht nicht, wenn es um körperliche Tätigkeiten geht. Intelligenztest als Eignungstest sind völlig fehlqualifiziert. Das war noch nie mehr als eine Seifenblase von Leuten, die mit Seminaren und Büchern gut Geld verdienen - mit anderen Leuten, die gerne einen tollen Titel an der Tür hängen haben, aber keine Ahnung von der Arbeit, für die sie Leute einstellen sollen.
Fazit: Was erreichte das Unternehmen, das sich sicher erst nach reiflicher (und teurer) Beratung für dieses Auswahlverfahren entschied: eigentlich nicht mehr, als daß seine Meister und Vorarbeiter keine Konkurrenz von unten mehr bekommen, träge werden können, und auch noch unentbehrlich werden.
Meinen Glückwunsch für diese langfristige Strategie!