Vergessenes
Ich finde, wir sollten auch einmal einen Aspekt einwerfen, der für viele Unternehmen wichtiger ist, als sie selbst denken, und den ich eigentlich noch kaum in irgendeiner Diskussion gesehen oder gehört habe:
graphic Loyalität und Fluktuation
Eines der Unternehmen, bei denen ich arbeitete, wurde später an einen amerikanischen Konzern verkauft. Einer meiner Bekannten besuchte eines Tages die Konzernzentrale und amüsierte sich später köstlich. Im sei klar geworden, warum der Konzern zur Zeit chaotisch agiere. Letztes Jahr hätten die 100 Mitarbeiter in der Zentrale eine Fluktuation von 120% gehabt.
Machen Sie sich einmal klar, was Fluktuation bedeutet: ein Mitarbeiter geht. Damit geht eine Menge Verfahrenswissen verloren. Konnte der Mitarbeiter an mehreren Maschinen zugleich eingesetzt werden, dann verlieren Sie zugleich einen wertvollen Springer. Da jede Firma eigentlich nur über den informellen Kommunikationsfluß lebt, verlieren Sie zugleich auch jemanden, der bereits die richtigen Ansprechpartner kennt ("Wer in der Arbeitsvorbereitung ist für dieses Problem zuständig. Welchen Meister frage ich, ob nicht der Auftrag A zuerst gefertigt werden sollte"). Anders ausgedrückt: Sie verlieren Personalvermögen. Dieses Personalvermögen müssen Sie mit einem neuen Mitarbeiter erst wieder aufbauen.
Bei einfachen Tätigkeiten geht dies sicher schnell, bei fachlich anspruchsvolleren kostet es mehr. Warum wird dies oft nicht in Betracht gezogen? Weil es kein Personalvermögen gibt. Oder anders ausgedrückt: weil so gut wie kein Unternehmen realistische Schätzungen über die Kosten der Einarbeitung hat. Wer macht denn die Kostenschätzung? Meistens jemand, der selbst noch nicht im Werk gearbeitet hat. Wie sollte der denn ein Gefühl dafür bekommen, welcher Einarbeitungsaufwand entsteht? Außerdem: wie wollen Sie bemessen, welche Kosten das Erlernen der informellen Kommunikationsflüsse erfordert?
(Siehe dazu auch den Artikel "Mythos Kostenrechnung". Der Artikel begründet, warum Kostenrechnung so stark von subjektiven Eigenheiten des Kostenrechners abhängig ist, obwohl es sich gerne den Mantel einer objektiven Wissenschaft umhängen läßt)
Selbst Unternehmen, die sehr qualifiziertes Personal benötigen, pflegen gerne noch den Mythos der Austauschbarkeit jedes Mitarbeiters. Sicher, jeder ist letztendlich ersetzbar, aber die Frage ist doch: was kostet mich das?
Und von hier aus kommen wir sofort zur Loyalität. Darunter verstehen wir hier die Bindung eines Arbeitnehmers an sein Unternehmen, aus welchen Gründen auch immer die Bindung erfolgt. Wie wichtig diese Bindung ist, sehen wir gerade in Ländern mit "last hired, first fired"-Mentalität. Aus gerade diesen Ländern stammen nämlich die Programme zur Verbesserung der Mitarbeiterbindung wie Betriebsrente, Lebensversicherung, etc. für höher qualifizierte Mitarbeiter.
Und ich denke, bezüglich dieser Unternehmensbindung stehen wir in Deutschland auf der positiven Seite. Man muß sich aber natürlich nicht wundern, wenn die Loyalität der Mitarbeiter gegenüber ihrem Unternehmen nachläßt, wenn alljährlich im Frühjahr verkündet wird, in Deutschland seien die Produktionskosten zu hoch und man müßte ein paar tausend Mitarbeiter entlassen - nur um dann im nächsten Quartal auf der Jahresbilanz wieder einen Rekordgewinn auszuweisen. Solche Unternehmen gibt es auch.