Utes Bücher
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Na, mit diesem Titel hat Olli natürlich übertrieben ... ich habe das Manuskript für ein Buch verfaßt -  und bis jetzt noch keinen Verlag gefunden! So teile ich auf diese Weise das schreckliche Los von vielen anderen hunderttausend nicht anerkannten Autoren ... trage es aber mit Fassung! Immerhin kann ich mich bezüglich des Schreibens ja auch auf dieser Homepage austoben!
Aber weil ich es nicht lassen kann und mich interessieren würde, was andere von meinem Geschreibsel halten, hier ein Auszug aus meinem Werk - das ich "Ten Years After - oder Die Abrechnung kommt am Schluß" genannt habe, weil es von meinem langen Leidensweg als Fremdsprachensekretärin in einer stockkonservativen Maschinenfabrik berichtet. Aber lest selbst! Hier ist das Kapitel Nr. 2:
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Die wichtigsten Aufgaben einer Fremdsprachensekretärin
oder
Die Freuden einer Butterbrezel
Am ersten Tag erschien ich kurz nach 7 Uhr an meinem Arbeitsplatz, denn man hatte mir ja eingeschärft, daß der Arbeitsbeginn um 7.15 h wäre. Ich teilte das Büro mit einem sogenannten Verkaufsingenieur, der gleichzeitig mein direkter Vorgesetzter war. Das Büro war wie ein typisches deutsches Büro eingerichtet: ein paar weiße Wandschränke für die vielen, vielen Akten und Unterlagen, zwei gegenüberstehende Schreibtische, auf daß sich die Gegner ins Auge schauen können, sowie ein querstehender Schreibtisch, der zusätzlich von meinem Vorgesetzten zugehäuft war.
Natürlich noch zwei bandscheibengefährdende Bürostühle, einer mit Armlehnen und etwas komfortabler gestaltet - für den Vorgesetzten selbstverständlich - und ein einfacher Schreibtischstuhl. Auf der Fensterbank dämmerten ein paar schwache Pflänzchen vor sich hin, und an einer Wand schlug eine einfache Bürouhr die Stunde, indem sie vor sich hintickte, getreu dem Motto: "Zeit ist Geld". Links von meinem Schreibtisch befand sich noch ein Beistelltischchen, auf dem eine rote EIBIEM-Kugelkopfschreibmaschine stand und mich an- oder auszulachen schien. Das Büro hatte zwei Türen: die eine führte zum Zimmer der Chefsekretärin, und die andere zu dem Gang hin, der die übrigen Büros der Verkaufsabteilung miteinander verband. Erstere stand oft und die Zweitgenannte fast immer offen.
Dann wartete ich und wartete und wartete. Gegen 7.35 h kam die Chefsekretärin in ihr Büro geschwebt und begrüßte mich anschließend mit den Worten, mich später in die wichtigsten Tätigkeiten höchstpersönlich einzuführen. Begeistert stellte ich mir die Frage, wie ich eine solche Ehre wohl verdient hätte. Kurz darauf tauchte mein Vorgesetzter, Herr Haas, auf. Er war ein sehr fülliger, großer Mann mit einem beachtlichen Bauchumfang, bereits etwas schütterem, strähnigem, dunklem Haar und einer Metallbügelbrille, durch die seine Äuglein blinkten. Schon bei der Begrüßung fiel mir auf, daß er in Zeitlupentempo sprach, doch das sollte ja noch besser kommen... Ich hoffte auch leidenschaftlich, daß diese gemächliche und einschläfernde Redeweise, die offenbar von mehreren Mitarbeitern dieser Firma gepflegt wurde, nicht ansteckend war. Darüber hinaus hatte Herr Haas leider, wie ich noch entdecken mußte, eine große Vorliebe für Bonbons, die er aber nicht wie jedes vernünftige Kind brav lutschte, sondern zusammenbiß, daß es oft in unserem Büro nur so krachte.
Dann wies mich die Chefsekretärin des Verkaufsleiters, der - wie bereits erwähnt - zugleich einer der Geschäftsführer der Maschinenfabrik und mein Gesprächspartner bei dem Vorstellungsgespräch war, in meine wichtigsten Tätigkeiten ein. Frau Huber war eine ziemlich nervös wirkende, zierliche Frau, die sehr viel auf Etikette achtete, wobei die Regeln oft von ihr selbst stammten, und viel auf Prestige hielt. Nebenbei hatte sie noch eine ausgeprägte Schwäche für vornehme oder sogar adlige Herkunft, wobei der Charakter und das Benehmen einer vornehmen Person bei bewiesener erhabener Herkunft keine große Rolle mehr bei ihr zu spielen pflegten.
Außerdem konnte ich im Laufe meiner Zusammenarbeit mit ihr die Erkenntnis gewinnen, daß sie die Gabe hatte, stinkreich mit vornehm zu verwechseln. Fairerweise muß ich aber hier anmerken, daß ihre Sprachkenntnisse wirklich fundiert waren, wenn mir ihre sogenannte Distinguiertheit und zuweilen große Pingeligkeit auch manchmal gewaltig auf den Geist gingen. Sie pflegte auch nicht im normalen Ton zu reden, sondern zu säuseln, nicht zu gehen, sondern zu gleiten, nicht zu essen und trinken, sondern mit vornehm gespreizten Fingerchen zu konsumieren. Ansonsten hatte sie kaum besondere Merkmale, außer einem recht selbstlosen, fast opferbereiten Einsatz ihrem Chef gegenüber. Dies ist jedoch ein Kennzeichen von vielen berufstätigen Frauen, die angeblich einen gutverdienenden Ehemann haben und trotzdem arbeiten, obwohl sie es - wie sie sehr gerne betonen - gar nicht nötig haben.
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Kurz vor 9 Uhr beorderte Frau Huber mich mit bedeutsamer Miene in die Küche und erklärte mir dort ausführlich, wie wichtig es wäre, daß ich zukünftig meinem Vorgesetzten Punkt 9 Uhr den Kaffee und seine Butterbrezel servierte. Sie betonte, von welch' außerordentlicher Bedeutung es wäre, daß ich von den gelieferten Brezeln (insgesamt waren es fünf, jeder der Verkaufsingenieure nahm morgens eine solche zu sich - dies war wahrscheinlich eine wichtige Voraussetzung für die Karriere) stets die auszusuchen hätte, die mit der geringsten Menge Salz bedeckt und am wenigsten dunkel gebacken sei. Sprich' nicht verbrannt, aber vermutlich war dieses Wort zu gewöhnlich für Frau Huber.
Dann demonstrierte sie mir in aller Ausführlichkeit, wie entscheidend es wäre, daß auch die Ecken der Streichfläche der Brezel mit ausreichender Menge Butter bedacht würden. Dies führte sie mit solcher Liebe vor, daß es mir ganz warm ums Herz wurde. Die Menge Butter, die sie dabei verwendete, konnte ich innerlich jedoch nicht ganz akzeptieren, da in meinen Augen der Empfänger der Brezel doch bereits einen nicht unbeträchtlichen Leibesumfang vorwies. Aber vermutlich war die Ursache dafür die allzu gesunde Ernährung, sprich: die sorgfältig mit Butter bestrichene Brezel. Als ich Frau Huber recht erstaunt anblickte und fragte, ob denn die Männer sich den Kaffee nicht selbst holen und ihre Brezeln nicht selbst streichen könnten, geriet sie in helle Empörung. Mich mit strafendem Blicke betrachtend bemerkte sie halb außer sich, daß das für die Herren eine Zumutung wäre, da es sich doch hierbei um reine Frauenarbeit handelte! Dieses einleuchtende Argument stellte mich schnell zufrieden.
Um sie abzulenken, fragte ich schnell, wie denn der Kaffee zu servieren sei. Hatte ich doch richtig geraten, erforderte auch dies eine große Menge an Geschicklichkeit: Herr Haas wünschte wegen seiner schlanken Linie ein halbes Tröpfchen Kondensmilch und ein Stück Zucker im Kaffee. Liebevoll widmete sich Frau Huber wieder ihrer Aufgabe.
Nachdem ich meine Kellnertätigkeit zum ersten Mal ausgeführt hatte, und dabei, weil ich für solche Arbeiten ja bestens ausgebildet war, mehrmals nur knapp der Katastrophe, Kaffee zu verschütten, entronnen war, blieb mir nur noch die vage Hoffnung, daß ich durch regelmäßige Übung diese wichtige Aufgabe zu lieben beginnen würde. Dieser Umstand trat (leider?) niemals ein.
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Nun erwartete ich mit größter Spannung den Ausgang der Kaffeepause: würde mein Vorgesetzter dazu in der Lage sein, seine Kaffeetasse selbst abzuräumen, oder nicht? Ich begann bei dieser Gelegenheit, meiner Wettleidenschaft zu frönen, und schloß mit mir selbst horrende Wetten ab. Bedauerlicherweise muß ich gestehen, daß ich haushoch verloren habe, und noch heute mit diesen Spielschulden bei mir tief in der Kreide stehe. Ich hatte meine Erwartungen eben zu hoch angesetzt.
Über drei Jahre lang hatte ich täglich das zweifelhafte Vergnügen, mit ansehen zu dürfen, daß "gebildete" Männer unfähig waren, die eigene benutzte Tasse zurück in die Küche zu bringen. Obendrein fiel mir auf, daß diese Individuen auch noch außerordentlich stolz darauf waren, zeugte es doch in ihrer Welt von besonders hohem Rang. Tröstlich war nur, daß zwei Herren der Mannschaft doch bisweilen ihre Tasse selbst wegräumten, allerdings heimlich und immer voll Angst, dabei entdeckt zu werden. Einer von ihnen, der netteste aus der Reihe der Ingenieure, ein bereits älterer Herr, der sehnsüchtig auf seine Pensionierung wartete, wurde eines Tages bei einer schrecklichen Missetat in flagranti vom Geschäftsführer Herrn Bruttler ertappt. Dieser schrie voller Entsetzen auf, als er sah, daß sich Herr Konz heimlich in der Küche seinen Kaffee nicht nur selbst einschenkte und die gewünschte Menge Milch hinzufügte, sondern auch noch die Tasse selbst in sein Büro trug.
Herrn Konz konnte nur noch das verzweifelt gestammelte Geständnis vor der sofortigen Hinrichtung retten, daß doch seine Sekretärin heute Urlaub habe und von den anderen noch keine die Zeit gefunden hatte, ihm den Kaffee zu servieren. Als dann sein Verlangen nach dem Koffein unerträglich groß geworden war, hatte er diesen unglaublichen Schritt gewagt, sich immer wieder umblickend, ob er nicht doch beobachtet werden würde. Tja, und wie es einem schlimmen Sünder oft so ergeht, war er tatsächlich erwischt worden, und das auch noch vom größten Befürworter des Mottos "Weiber gehören in die Küche" persönlich. Diesem kam nur noch ein verächtliches "... und Ihre Briefe tippen Sie als gelerntes Küchenmädchen wohl zukünftig auch selbst?" über die Lippen, bevor er sich abwenden mußte, da ihm der Anblick eines kaffeetassentragenden Mannes unerträglich wurde.
Mein Vorgesetzter hatte eine besonders direkte Art, mir zu zeigen, daß ich sein schmutziges Kaffeegeschirr abräumen sollte: immer, wenn er die Kaffeepause beendet hatte, schob er einfach sein Geschirr auf meinen Schreibtisch hinüber. Dieses Privileg, so deutlich darauf hingewiesen zu werden, daß nur ich allein berechtigt war, die benutzte Tasse und den Teller wegzuräumen, versetzte mich jedesmal in einen kurzen Freudentaumel. Ehrfürchtig erhob ich mich, um das zu beseitigen, was nach Gebrauch das Auge meines Vorgesetzten durch bloße Anwesenheit verletzen könnte.
Ich sollte aber nicht nur undankbar sein und auch die positive Seite der Angelegenheit erwähnen: sollte ich einmal arbeitslos werden, kann ich mich guten Gewissens und mit langjähriger Erfahrung als Aushilfskraft im Servicebereich verdingen. Aufgrund dieser über lange Jahre gesammelten Berufskenntnisse müßte es mir sogar möglich sein, eine Laufbahn als Oberkellnerin einzuschlagen.
Inzwischen ist meine Kunstfertigkeit sogar so groß, daß ich in der Lage bin, zwei gefüllte Tassen gleichzeitig zu befördern, ohne größere Spuren auf einem Teppich zu hinterlassen. Mein Stolz darüber kennt keine Grenzen, und in Dankbarkeit gedenke ich meiner damaligen Firma.
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Vielleicht sollte ich aber auch die negativen Auswirkungen an mir kurz schildern, es begann langsam, aber zunehmend stärker, ein kleines Teufelchen in mir sein Unwesen zu treiben: zuerst begann ich, Brezeln auszusuchen, die mit besonders viel Salz bedeckt waren. Dann wurden die servierten Brezeln für Herrn Haas immer dunkler, manchmal wunderte er sich mir gegenüber über diesen Umstand: "Der Bäcker läßt aber seit Wochen seine Brezeln immer stärker anbrennen!" Meine Miene blickte ungläugbig und mir blieb nur ein bedauerndes Nicken übrig, während ich schadenfroh in mich hineingrinste und das Teufelchen laut herauswieherte. Als nächsten Schritt begann ich, die Ecken der Schmierfläche nicht mehr ordentlich auszustreichen und nur noch ein dickes Stück Butter in die Mitte der geöffneten Brezel zu knallen. Der Mann erwies sich als sehr hart, und daher sah ich mich gezwungen, ihm einen ordentlichen Schuß Kondensmilch in den Kaffee zu verpassen und ihm drei Stück Zucker - ordentlich umgerührt natürlich - zu gönnen. Daraufhin verzichtete er von einem Tag auf den anderen auf die Brezel (auf ein Statussymbol, man stelle sich das einmal richtig vor!), und anschließend auf den Zucker und schließlich auf die Milch im Kaffee. Ich habe also ein richtig gutes Werk vollbracht, indem ich ihn dazu brachte, völlig gesund und kalorienarm zu leben. Letztendlich wird er es alleine mir verdanken, wenn er seine Pension eines Tages genießen kann, ohne an einem zu hohen Cholesterinspiegel zu leiden ... Mein kleines Teufelchen ist allerdings so manches Mal dabei an einem Lachanfall fast erstickt!
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Bereits im ersten Sommer meines dunklen Daseins in diesem Unternehmen festigte sich nicht zuletzt dank der Dame Huber mein Glaube daran, daß eine Frau die geborene und damit glückliche Dienstbotin ist, und daß ein Mann in gehobener Position nicht einmal mehr daran denken darf, selbst für seine Nahrungsaufnahme zu sorgen. Ein Kollege hatte Most - dieses liebliche schwäbische Getränk, dem es nicht vergönnt war, zu Wein zu werden - zu unserer Erbauung mitgebracht. Er deponierte den Nektar zu jedermanns - und ausnahmsweise auch jederfraus - Gebrauch im Kühlschrank und tat dieses jedem in der Abteilung laut kund.
Die zu lösende Aufgabe bestand nun darin, daß jede Person, die den Wunsch verspürte, sich am Most zu laben, aufstehen und sich in die Küche begeben mußte. Der Schwierigkeitsgrad steigerte sich dann zusehends, denn nun mußte der einzige Schrank geöffnet und ein Glas entnommen werden. Den Höhepunkt der Anforderung erreichte man, wenn man schließlich den Kühlschrank, der als solcher durch eine entsprechendes Aussehen mit einiger Mühe definiert werden konnte, öffnete, den Most daraus entnahm und sich denselben in ein entsprechendes Gefäß einschenkte. Sollte man dann noch nicht zu geschwächt ob der ungewohnten Anstrengung sein, wäre die Flasche Most wieder zurückzustellen und der Kühlschrank zu schließen. Bliebe nur noch, das Glas zum Mund zu führen, um sich den verdienten Schluck zu genehmigen.
Nun ja, ich darf wohl trotz meiner angeborenen Bescheidenheit sagen, daß es mir gelang, diese Aufgabe auszuführen. Anschließend kehrte ich mit dem Lächeln eines geborenen Siegers auf den Lippen und einem Glas Most in der Hand an meinen Schreibtisch zurück.
Mein glanzvoller Triumph sollte aber nicht ewig währen: zehn Minuten später erschien die aufopferungsvolle Chefsekretärin, Frau Huber, und flötete eine Zeitlang süß mit meinem Vorgesetzten. Dies pflegte sie bisweilen zu tun, die Konversation nahm dabei gewöhnlich diesen Lauf: "Wie ist Ihr wertes Befinden, Herr Haas?" Er pflegte zu antworten: "Ja, es geht halt so!" "Und was macht Ihr Gütle, Herr Haas? Wachsen die Äpfel schon?" Herr Haas konterte: "Ja, ja, die werden schon ordentlich wachsen!" "Und Birnen? Haben Sie dieses Jahr auch wieder Birnen?" "Ja, ja, auch die gibt es dieses Jahr wieder." So lief es im allgemeinen, bis sich dann Frau Huber wieder in ihre Räumlichkeiten nach nebenan zurückzog.
Doch dieses Mal gab es eine interessante Wende des Gesprächs: ich wurde mit einbezogen. Unvermittelt wandte sich Frau Huber an mich mit den Worten: "Ja, sagen Sie einmal, Fräulein Graf, haben Sie Herrn Haas noch keinen Most kredenzt?" Mir verschlug es die Sprache: hatte ich richtig gehört, hatte sie tatsächlich dieses bereits im deutschen Sprachgebrauch verschollene Wort "kredenzen" gebraucht? Mir wurde vor Aufregung entsetzlich heiß: dieses Wort hatte ich bis dato nur im Theater - war es Shakespeare, war es Goethe? - gehört. Wie trefflich hatte Frau Huber dieses Wort anzuwenden gewußt: sie hatte es mit diesem einfachen, primitiven Wort "Most" verbunden, das dadurch eine ganz andere, eine richtig sphärische Bedeutung gewann.
Ich fühlte mich dadurch gezwungen, mich ganz ernst und traurig zu fragen: "Habe ich kredenzt, oder habe ich nicht kredenzt, das ist hier die Frage? Habe ich meinem Vorgesetzten bewußt den kostbaren Nektar vorenthalten, indem ich nicht kredenzte?" Abgründe in meiner Seele taten sich auf, Verzweiflung übermannte mich und schamerfüllt mußte ich gestehen: ich hatte nicht! Oh, diese Verfehlung, diese Schande, diese Schmach! Frau Huber stieß einen Schrei des Entsetzens aus, der die Wände erbeben und mich neuerlich erbleichen ließ. Dann befahl sie mir, sofort den Vorgang des Kredenzens einzuleiten.
Nun beging ich den zweiten, nahezu tödlichen Fehler diesen Tages. Ich wagte zu fragen, warum Herr Haas nicht selbst dazu in der Lage wäre, sich dieses Getränk zu kredenzen. Frau Huber warf mir nur noch einen Blick abgrundtiefer Abscheu zu und eilte hinweg, um mein Versagen wieder gutzumachen und nun ihrerseits dem halbvertrockneten Herrn Haas den Most darzureichen. Gespannt beobachtete ich, wie sie fürsorglich seine Lippen benetzte, bis er endlich wieder leicht gestärkt selbst dazu imstande war, die Flüssigkeit zu sich zu nehmen.
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Diesen Mordversuch gegenüber meinem Vorgesetzten konnte und wollte sie mir nie verzeihen, auch als sie die Firma verlassen hatte, ging ihr diese böse Geschichte noch lange nach. Ich benötigte mehrere Wochen, bis ich sie nach meinem morgendlichen Kniefall, mit dem ich sie zur Versöhnung zu begrüßen begann, erweicht hatte, und sie ihrerseits mir morgens wieder ein majestätisches Nicken ihres zierlichen Kopfes schenkte. Außerdem mußte ich ihr bei jeder sich bietenden Gelegenheit reumütig versprechen, mich zukünftig in der Aufgabe des Kredenzens unermüdlich zu üben, wodurch ihr ersteinertes Herz schließlich wieder erweicht wurde.
Natürlich habe ich auch zahllose schlaflose Nächte ob dieser Affäre verbracht und in meiner grenzenlosen Reue auch meinem Vorgesetzten gegenüber versucht, Wiedergutmachung angedeihen zu lassen. So servierte ich fürderhin jeden Morgen ihm den Kaffee mit einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht und der vorsorglichen Frage, ob es denn vielleicht etwas mehr Milch sein dürfte ...