Unternehmensführung einbinden
(03.04.00 - Autor: Olli)
Wenn es darum geht, die EDV einer sinnvollen Aufgabe im Unternehmen zuzuführen, dann ist "die Unternehmensführung einbinden" immer der Standardtipp schlechthin. Die Unternehmensführung gibt sich auch meist große Mühe, bei der EDV-Auswahl oder der Definition der EDV-Ziele oder der Festlegung eines angemessenen EDV-Budgets mit beizutragen.
Leider ist das nicht das, worum es geht. Worum es geht, ist die Kompetenz der Unternehmensführung bezüglich EDV-Nutzung zu verbessern (Das darf nur kein Berater laut sagen). Das bedeutet nicht, dass der Geschäftsleiter Aufträge in das EDV-System eingibt. Es bedeutet aber sehr wohl, dass er zumindest einen einfachen Auftrag eingeben könnte. Es bedeutet nicht, dass er alle seine Geschäftsbriefe selbst tippt, aber dass er sie selbst über die EDV-Organisation finden könnte. Es bedeutet nicht, daß er seine EMail-Verbindung selbst konfiguriert, aber dass er zumindest EMails erstellen und beantworten kann. Es bedeutet nicht, dass er den mathematischen Hintergrund von Verschlüsselungsfunktionen kennt, aber den Grund, warum per Internet transferierte Geschäftsdokumente verschlüsselt werden sollten, und diese Funktion selbst auch nutzen kann.
Vielleicht tendieren Sie jetzt zu einer Aussage der Art, das sei nicht Ihres Chefs/Ihre eigene Aufgabe.
Nun, Unternehmensführung gehört doch sehr wohl dazu, oder?
Wissen Sie, wieviele Probleme in Unternehmen entstehen, nur weil ein wunderbares Preissystem auf höchster Ebene gestaltet wurde, das innerhalb der vorhandenen Software gar nicht umgesetzt werden kann. Bzw. mit hohen Kosten umgesetzt werden muss? Oder Rabattsysteme, die eigentlich nicht mehr als ein Flickwerk von Einzelfällen sind und bei der nächsten einzubauenden Ausnahme zusammenbrechen? Oder hochgeistige Konstruktionen von Auftragsworkflows, die auf dem Papier gut aussehen, aber praktisch nicht EDV-technisch funktionieren.
Wissen Sie, wieviel Geld in Form von Arbeitszeit zum Fenster hinausgeworfen wird, nur weil ein paar dumme Textdateien nicht mehr im Netzwerk auffindbar sind oder die CAD- Zeichnungsverwaltung ein desorganisiertes Desaster ist?
Sagen Sie nicht, dafür seien doch Sekretariat oder Abteilungsleiter da. Unternehmensführung bedeutet das Unternehmen zu führen, und dazu muß ich wissen, wo ich stehe, wo ich hin will, und ob meine Mittel das ermöglichen. Zu sagen: ich will dieses Jahr das Matterhorn ersteigen, ist für mich kein Ziel, sondern lebensgefährlicher Blödsinn. Zu sagen, ich will 3% mehr Deckungsbeitrag realisieren, indem ich das Rabattsystem ändere, ist nur dann ein Ziel, wenn ich überhaupt weiß, welche Möglichkeiten ich mit vernünftigem Aufwand umsetzen kann. Zu sagen, ich will eine bessere Transparenz aller Geschäftsdokumente ist nur dann ein Ziel, wenn ich auch weiß, um was es geht, und wie Dokumente bisher aufgefunden werden. Wenn mir meine Sekretärin seit fünf Jahren alle Dokumente bringt, dann habe ich doch keine blassen Schimmer, außer dass ich vielleicht was über das Thema gelesen habe. Und wie will ich wissen, ob meine teuer eingeführte Dokumentenverwaltung überhaupt etwas bringt, wenn ich doch nicht einmal weiss, was das bedeutet.
Eine reibungslose Geschäftsabwicklung zu erreichen, ist sehr wohl ein wichtiger Bestandteil der Unternehmensführung. Dazu muss die Unternehmensleitung Grundkenntnisse über die Themen haben, für die sie EDV-Lösungen einsetzt und auch Grundkenntnisse darüber, wie diese funktionieren.
Man kann doch nicht hergehen, und grundsätzliche EDV-Kenntnisse als Qualifikationsmerkmal für Neueinstellungen definieren, permanente EDV- Weiterbildung durch die Mitarbeiter selbst fordern, EDV und Informationstechnologie insgesamt als strategisches Instrument einplanen, und das alles mit guten Gründen belegen, und dann in der Unternehmensleitung eine Bastion der EDV-Ignoranz verteidigen, pardon, aber so muss man es nennen.
Es werden wesentlich weniger EDV-Projekte an unrealistischen Zielen oder unsachgemäßer Einführung scheitern, wenn die Grundlagen für EDV-Entscheidungen verbessert werden, und das kann kein schlechtes Ziel sein.
Bitte beachten Sie: dieser Abschnitt plädiert nicht dafür, dass die Unternehmensleitung ihre EDV- Gurus oder die besten EDV-Benutzer übertrumpfen kann. Das ist wirklich nicht ihr Job. Und erst recht soll sie sich nicht mit technischen Details beschäftigen (das interessiert nicht einmal mich). Aber sie muss das Niveau der Grundnutzung einschätzen können, und sie muss wissen, welche Unternehmensfragen welche EDV-Belange berühren, bevor mit viel Aufwand Planungen durchgeführt und entschieden werden, die dann nach Entscheid auf Biegen und Brechen EDV- technisch umgesetzt werden müssen, die Komplexität erhöhen und das eigentliche Ziel gar nicht erreichen können.
Außerdem kann sich die so besser informierte Geschäftsleitung vor Einführung neuer EDV- Systeme ein seltenes und ausgesprochen befriedigendes Vergnügen gönnen: Bei der Vorführung des neuen, besonders benutzerfreundlichen Systems X (für was auch immer) sich selbst einmal an die Tastatur setzen und die vorgebliche Benutzerfreundlichkeit ausprobieren - was glauben Sie, wie da mancher Anbieter nervös wird :-)
Man könnte etwas böse sogar sagen: es gibt interessierte Kreise, die gerne bestätigen, dass die Unternehmensleitung sich nicht mit lästiger EDV abgeben sollte...
Vor fast zehn Jahren führten wir in einem Workshop mit dreißig hochrangigen Unternehmensvertretern eine Anwendung vor, die außer Menüs, Stammdaten und einigen mehr schlecht als recht funktionierenden Auftragsprogrammen leider nicht viel Brauchbares enthielt. Vortrag und Softwarevorführung waren genau auf die funktionierenden Teile abgestimmt. Die Unternehmensvertreter hatten keine Chance. Die Vorführung war ein voller Erfolg. Die Software wurde nie fertig.