Unser Artikel
(Autor: Olli - 05.03.00)
Informatiker braucht das Land
Die Cebit dieses Jahres setzte Signale. Nicht nur über die weitere Entwicklung von Computersystemen, Internet und solchem technischem Kram, nein, auch die Globalisierung kam dieses Jahr nicht zu kurz. So gleicht sich z.B. auch die Dummheit langsam weltweit an - auf dem niedrigsten gemeinsamen Level.
Neuestes Bravourstück unserer innovativen, fortschrittlichen und zukunftsorientierten Industrie: Sie überzeugt eine Bundesregierung von der Notwendigkeit, kurzfristig 30000 Informatiker bereitzustellen. Da diese im Inland nicht mehr zu finden seien, sollten diese aus dem Ausland beschafft werden.
Nun weiß ich nicht, wie sich diese Industrievertreter das vorstellen, denn bekanntlich ringen ja die USA bereits seit langem mit diesem Problem und vertreten auch den gleichen "Lösungsansatz", und wenn ich persönlich als Nicht-Deutscher die Wahl zwischen Kalifornien oder dem gar so fremdenfreundlichen Deutschland hätte, dann wäre mir das sonnige Kalifornien doch viel lieber. Ob wir damit also wirklich 30000 qualifizierte EDVler herbekommen? Aber sei das einmal dahin gestellt, das eigentliche Problem sitzt doch ganz woanders...
graphic Aus einer Computerwoche aus dem Jahre 1996 (das ist noch keine vier Jahre her!):
"Das Arbeitsamt schult alles auf EDV um, was nur geht. Wer soll diese EDV-Schwemme denn beschäftigen?"
graphic Ebenfalls aus einer Computerwoche, diesmal aus dem Jahre 1999 (das ist noch keine 12 Monate her):
"Die Politiker halten Multimedia und Internet realitätsfern immer noch für eine große Jobmaschine und träumen von 100.000 neuen Arbeitsplätzen."
graphic In der Computerwoche 14/2000, Seite 75:
"Neun von zehn Multimedia-Firmen in Deutschland suchen händeringend Fachleute."
Wer verarscht hier wen?
Verfolgt man den "Karriere"-Teil der Computerwoche - und über dieses Blatt kann man sagen was man will, Fakt ist, dass es immer am Puls der Zeit hängt - so kann man sehr gut die Ansichten der Industrie und Softwareunternehmen über Personal und Personalentwicklung verfolgen. Leider kann man auch sehr gut feststellen, dass diese im wesentlichen 12-Monats- Trends folgen - also nach dieser Zeit wieder untergehen und durch neue Trends abgelöst werden. Man kann das auch "Modewellen" nennen.
Leider folgen die Ausbildungszyklen anderen Intervallen:
graphic Eine schnelle (Arbeitsamt- oder private) Umschulung, die aber auch wirklich was bringen soll, dauert 6 Monate bis ein Jahr, vorausgesetzt, sie spezialisiert sich auf ein bestimmtes Thema. Spezialisiert sie sich nicht, dann ist die Ausbildung innerhalb dieses Zeitraums derart oberflächlich, dass kaum einer die Absolventen einsetzen kann (Das liegt nicht an den Leuten, sondern an dem komplexen Umfeld).
Wenn ein Modetrend nur ca. ein Jahr lang läuft, dann sind die umgeschulten Leute genau dann verfügbar, wenn der Trend bereits wieder abflaut. Dazu kommt aber noch, dass es auch eine Weile dauert, bis die Weiterbildung und der Inhalt überhaupt einmal definiert und aufgesetzt sind. Dann müssen die Umschulungen auch erst noch mit Leuten gefüllt werden. Das bedeutet mindestens ein halbes Jahr bis eher ein Jahr Vorlauf.
Im Klartext: auch bei schnellstmöglicher Umsetzung von Anforderungen aus der Industrie vergehen mindestens eineinhalb Jahre, bevor eine fühlbare Anzahl von Umschulungsabsolventen bereit stehen kann.
Und das bei einem spezialisierten Thema.
Da andauernd Trends entstehen, und im voraus kaum einer weiß, welche sich durchsetzen werden, und diese Trends nach einem Jahr wieder abflauen, wäre es absolut unverantwortlich von einer Regierung (egal welcher Farbe), mit Entstehen des Trends sofort entsprechende kurzfristig greifende Ausbildungsmaßnahmen bereitzustellen. Überwiegend stehen die teuer schnellausgebildeten Spezialisten dann nämlich doch wieder auf der Straße, da den Unternehmen mittlerweile neue Trends vor dem geistigen Horizont schweben.
graphic Eine Ausbildung an einer FH oder Universität benötigt mindestens vier Jahre. Dafür erhält der Absolvent eine breite Grundausbildung, die je nach Bildungsanstalt mehr oder weniger umfangreich und praxisorientiert ist.
Da springen einem doch die vier Jahre ins Auge - 1994-1996 hatte die Wirtschaft einen ziemlichen Schnupfen, und schon ging es der IT-Branche nicht so gut. Es war auch die Zeit der Pleitewelle für ziemlich viele SW-Unternehmen. Und es war auch die Zeit, als alle großen Unternehmen ihren überschüssigen Personalbestand abbauten - alles über 50 wurde in Frührente geschickt, egal was der Mann/ die Frau machte oder konnte. Zu dieser Zeit wurde teilweise tatsächlich vom Informatiker-Studium abgeraten - ich kann mich an einen Artikel eines Personal- Chefs eines großen Unternehmens erinnern (in der Computerwoche), der sagte, dass der Markt jetzt gesättigt sei und in Zukunft nur noch eine mäßige Marktentwicklung folgen würde.
Und - es ist doch seltsam - ziemlich genau vier Jahre später wird die niedrige Zahl der Studiumabgänger bemängelt. Schuld daran sei der Staat, der nicht rechtzeitig für den zukünftigen Bedarf gesorgt habe. Also - so die kompetenten Wirtschaftsbosse - müssen Sofortmaßnahmen ergriffen werden, die auch wirklich sofort greifen.
Das erinnert mich an eine Parallele: 1986 wurde das Maschinenbaustudium in den Himmel gelobt, weil so großer Bedarf an ausgebildeten Maschinenbauingenieuren war (das weiß ich noch genau, weil ich selbst zu diesem Zeitpunkt mein Studium begonnen habe). 1990-1992 fand dann kaum einer einen Job, und eine Menge Maschinenbau-Ingenieure mußten umschulen. Dazu hieß es dann, selber Schuld, wenn ihr genau das studiert, was alle machen. Ab 1995 wurden zum Teil wieder verzweifelt Maschinenbau-Ingenieure gesucht, denn natürlich war nach der 90er-Flaute das Studium so tot wie eine tote Katze. Die Ing.'s von 1990 waren mittlerweile entweder längst in anderen Berufen tätig oder Langzeitarbeitslose - in Deutschland werden beide Kategorien ja unter keinen Umständen mehr eingestellt.
Ist man so blöd oder hält "man" die anderen für so blöd?
graphic
Das Problem ist doch, dass die Unternehmen selbst keine Kontinuität ausstrahlen und so folglich die Schwankungen der Absolventenzahlen provozieren. Mal ist das Informatik-Studium top, dann wieder flop, mal sollte der Staat kurzfristig diese Förder- und Ausbildungsmassnahmen bereitstellen, dann waren es vielleicht doch die falschen, das hätte er doch vorher wissen sollen.
graphic Das Problem ist doch... dass die Unternehmen selbst keine Ahnung haben, welchen Bedarf an was sie in den nächsten Jahren haben werden.
Letzteres will ich ihnen nicht einmal vorwerfen, die Branche entwickelt sich nun einmal recht chaotisch, und da hält kaum ein Unternehmensplan mit. Aber ich werfe den Unternehmen vor, dass sie keine dazu passende Strategie entwickeln, sondern wie kleine Kinder einfach gemäß dem aktuellen Bedarf schreien. Eine Strategie wäre, vorbeugend (relativ preiswerte) Massnahmen zu ergreifen, um das Grundpotenzial zu erweitern, also mitzuhelfen, Computergrundwissen stärker in das Bildungswesen einzubauen (anstatt nur zu quengeln, dass das nicht der Fall sei) und dadurch gleichzeitig auch den eigenen Namen bekannter zu machen. Dadurch verbreitert sich einmal die Basis der Leute mit Computererfahrung, damit das entsprechende Know How - Potenzial an sich, und dieses Unternehmen wird von späteren Absolventen auch noch einen größeren Anteil auf sich vereinnehmen können. Finanzieren würde sich das Ganze langfristig selbst aus den eingesparten Kosten für die verzweifelte (teure) Suche nach nicht vorhandenem qualifiziertem Personal.
graphic
Alles zusammengefasst, ist der aktuelle Mangel an EDVlern absolut selbst verschuldet. Die Unternehmen bilden selbst völlig unzureichend aus, unterstützen Ausbildungsbemühungen kaum ("Schulen am Netz" dümpelt bis heute nur dahin - dabei sollte damit das Potenzial von morgen aufgebaut werden - aber lieber wird über unqualifizierte Lehrer geredet, anstelle selbst Ausbilder zeitweise abzustellen, was gleichzeitig eine sehr gute Marketingkampagne wäre), vernachlässigen ihr Personalvermögen, sobald es länger als fünf Jahre im Unternehmen ist, und wundern sich dann, weil kein qualifiziertes Personal da sei.
Gleichzeitig wird EDV und Informatik von den Unternehmen und EDVlern derartig technikbezogen dargestellt, dass die andere intelligente Hälfte der Menschheit keinen Bock mehr darauf hat (wieviele Frauen finden den Weg in diese Branche?), so daß 50% des Potenzials schon mal schlicht brachliegen und die EDV tatsächlich immer technikbezogener und selbstverliebter wird. Oder entspricht dies einer Absicht, geboren aus der Schreckensvorstellung der zehnjährigen Dauerschwangerschaft, der zumindest manche Unternehmen bis heute unterliegen?
Es darf nicht Aufgabe einer Regierung sein, mit Einzelmaßnahmen einzelne Probleme zu lösen - das wahrt nur den "status quo" und schafft nichts Neues. Da es immer irgendwelchen neuen Probleme gibt, wird diese Methode auch nie ein Ende finden.
Es ist Aufgabe der Politik, Infrastrukturen zu schaffen, die gute Rahmenbedingungen für eine eigenständige Entwicklung bieten. Das gilt auch für das Bildungswesen.
Es liegt an den Unternehmen, diese Rahmenbedingungen zu nutzen. Das tun sie systematisch nicht. Der jetzige Schnellschuß, Mitarbeiter aus dem Ausland zu importieren, führt auch nur dazu, dass die Unternehmen wieder einmal nicht lernen müssen und verschafft der Bundesrepublik wieder neue soziale Probleme, wenn - gemäß den Modewellen - die Leute in fünf Jahren nicht mehr benötigt werden. Garantiert wird sich dann aber kein Unternehmen daran beteiligen, diese Probleme aufzufangen, sondern dass als Aufgabe des Staates ansehen.
Außerdem hilft der Schnellschuss praktisch nur großen Unternehmen, also gerade jenen mit den besten Ressourcen, selbst mehr auszubilden, und gerade jenen, die den Staat am meisten mit freigesetzten "veralteten" Mitarbeitern belasten. Nur diese haben doch die Möglichkeit, im Ausland entsprechende Werbekampagnen zu starten. Wie sollen kleine Unternehmen mit 30 Mitarbeitern in Ungarn, Russland oder Indien neue Mitarbeiter finden? Auch dass ist schlecht, denn gerade die kleinen Unternehmen tragen die EDV in den mittelständischen Unternehmen, und gerade diese tragen doch die Wirtschaft eines Landes.
Man muss kein Prophet sein, um dies zu sehen, es genügt ein Blick über den Atlantik. Die USA leiden seit fünf Jahren darunter, keine qualifizierten Mitarbeiter zu finden. Dort stellt der Staat nur eine einfache - billige - Infrastruktur an Bildungswesen bereit, und es ist doch erstaunlich, welche Probleme sie damit haben, und es ist noch erstaunlicher, wie immer wieder Rufe laut werden, wir sollten doch auch mit einer so billigen Infrastruktur klarkommen - wo doch das Vorbild USA es eindeutig nicht tut.
graphic
Fazit:
graphic Unternehmen und Politiker fordern immer wieder, die Bürger sollten selbstverantwortlicher werden. Es wird allmählich Zeit, dass Politiker und Bürger die Unternehmen zu mehr Selbstverantwortung aufrufen.
graphic Globalisierung sollte nicht bedeuten, die gleichen Fehler zu machen wie andere, sondern daraus schneller zu lernen.