Telearbeit & Brain Tank
(Autor: Olli, 17.07.98)
graphicEinleitung
Das Thema "Telearbeit" etabliert sich langsam auch in zurückhaltenden Ländern wie Deutschland. Während die technische Entwicklung allmählich brauchbare Produkte liefert, um wenigstens die grundsätzliche Kommunikation zu bewältigen, so herrscht doch noch oft große Unsicherheit über die Anwendungsmöglichkeiten der Telearbeit. Insbesondere gibt es nur wenige klare Vorstellungen über die Koordination und Organisation der Arbeiten innerhalb anspruchsvoller Projekte. Zeitgleich bricht auch noch ein neues Medium, das Internet, in unsere alltäglichen Kommunikationsformen ein und bietet neue Chancen, die wir nutzen sollten - aber wie?
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Betrachten wir unter Telearbeit nicht die technische Infrastruktur, sondern die Arbeitsinhalte, die ausgeführt werden, so lassen sich grundsätzlich (mindestens) zwei verschiedene Levels unterscheiden:
graphic Einfache operative Tätigkeiten in einer vertikal ausgerichteten Organisationsform. Die Arbeiten werden von oben nach unten verteilt, auf den unteren Ebenen von den einzelnen Beteiligten bearbeitet, und die Ergebnisse wieder nach oben gereicht. Zwischen den Beteiligten der unteren Ebenen herrschen wenige oder gar keine Interaktionen. Die Zusammenführung der Arbeiten erfolgt erst auf den höheren Ebenen. Typische Beispiele für diese Organisationsform sind extern verlagerte Buchhaltung, Datenerfassung in verschiedenen Varianten, Marketing- und hier vor allem Telemarketing- Tätigkeiten. Etwas kreativere Beispiele, die aber in dieselbe Kategorie fallen, sind die Verteilung von Entwicklungsaufgaben (Software, Maschinenbau, Architektur) auf Tele-Mitarbeiter, wiederum aber gekennzeichnet durch die Vergabe isolierter und konkret spezifierbarer Teilaufgaben.
graphic Der zweite Level wäre die Bearbeitung komplexer Sachverhalte in einem Netz beteiligter Instanzen. Anstelle spezifierter Teilaufgaben wird in diesem Fall eine komplexe Aufgabenstellung an einen Verbund ausreichend qualifizierter Mitarbeiter übergeben. Zur Lösung der Aufgabe ist intensive Kommunikation und der Austausch bzw. die gegenseitige Ergänzung der involvierten Qualifikationen erforderlich. Vertikale Strukturen werden im wesentlichen durch zentrale Orientierungspunkte ersetzt, die die Zielrichtung der Arbeit festlegen und steuern sowie "dem Netz" jederzeit eine aktuelle Zusammenstellung des Arbeitsstandes verschaffen.
Zur Zeit wird Telearbeit im wesentlichen in Hinsicht auf den ersten Level diskutiert. Weitgehend offen ist aber die Realisierung des zweiten Levels. Mit den nachfolgenden Artikeln möchten wir hier einen Ansatz vorstellen, der vielleicht (?) neue Sichten einbringt und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet.
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Der "Brain Tank"
Dazu versuchen wir eine Organisationsform zu entwerfen, die den Anspruch des zweiten Levels bezüglich netzwerkartiger Kommunikation und Qualifikationsergänzung erfüllen kann und zugleich die notwendigen zentralen Orientierungs- und Steuerungspunkte liefert. Aufgabe dieser Organisationsform ist die Lösung komplexer Probleme, zu denen bisher das notwendige Know- How räumlich eng zusammen gezogen werden mußte.
Wir nennen die Organisationsform neudeutsch einen "Brain Tank":
graphic Aufgabe eines Brain Tanks ist die Kanalisierung des Know-How's weit entfernter und nur loser in den Verbund eingekoppelter Mitglieder auf ein konkretes Ziel.
graphic Die Verfahren des Brain Tanks und seine interne Organisation sollen auf diese Integration hinwirken.
graphic Die Leistungsfähigkeit eines Brain Tanks mißt sich in seiner Fähigkeit, komplexe Aufgabenstellung in
 graphic Umfang (was alles muß berücksichtigt werden) und
 graphic Tragweite (welche Folgewirkungen sind zu beachten) zu erfassen,  die geeigneten Ressourcen beizustellen und eine
 graphic inhaltlich fundierte Lösung unter Beachtung eines
 graphic breiten Spektrums unterschiedlichen Spezialwissen zu erarbeiten.
graphic Die Qualifikation eines Brain Tank mißt sich nach der Qualifikation seiner Mitarbeiter, die Leistungsfähigkeit des Brain Tanks zu erhöhen. Darunter fallen der Know- How-Mix der Mitarbeiter, die Qualität ihrer Beiträge und ihre Fähigkeit, im Verbund des Brain Tanks zusammenzuarbeiten. Je besser die Qualifikation, desto besser voraussichtlich die Leistungsfähigkeit.
graphic Integrierter Bestandteil des Brain Tank ist auch zwingend die einheitliche Festlegung von Dokumentations- und Kommunikationsformen und - mitteln. Das sind im Qualitätsmanagement bereits lange bekannte Anforderungen zur Produktivitätsverbesserung, die eine bessere Verständigung zwischen den Teilnehmern des Brain Tank ermöglichen sollen und müssen. Der Brain Tank ist somit prinzipiell ein leistungsfähiges Medium und Arbeitsmittel für kreative Mitarbeiter, bietet "Chaoten" aber keinen Lebensraum (nicht ohne Verminderung der Leistungsfähigkeit).
Das ist naheliegend, denn wenn jeder seine Beiträge anders präsentiert, erhöht sich die Anzahl der unvermeidlichen Mißverständnisse oder des gegenseitigen Unverständnisses noch mehr und blockiert die Zusammenarbeit. Das trifft auf räumlich nicht nahe zusammenliegende Strukturen besonders stark zu.
Was kann der Brain Tank nicht?
Da kein intensiver persönlicher Kontakt zwischen den Teilnehmern und den Auftraggebern vorliegt (elektronische Medien können bisher die Informationsdichte persönlicher Begegnungen noch nicht vermitteln), ist der Brain Tank strukturbedingt auf die Lösung konkreter und beschreibbarer Probleme begrenzt.
Ist das Konzept der Brain Tanks realistisch?
Ist diese Form der Zusammenarbeit überhaupt realistisch? Kann man erwarten, daß ein Netzwerk mehr oder weniger unabhängiger Instanzen sich auf eine einheitliche Marschrichtung und vor allem eine vereinheitlichte Arbeitsweise einrichten kann?
Wir behaupten, daß es möglich ist. Es gibt auch bereits erste Organisationen, die ähnliche Formen nutzen und sehr erfolgreich damit sind - das beste Beispiel dazu ist LINUX, eine Gemeinschaftsarbeit Hunderter von Programmautoren, die weltweit zusammenarbeiten und ein sehr gutes, stabiles Betriebssystem geschaffen haben. Eine Leistung, wofür andere Unternehmen Tausende von Entwicklern beschäftigen.