Story: Erhabene Feier bei Gustav Spatz
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(Autor: Ute)
Das erbauliche Abteilungsweihnachtsfest
oder
Oh, Du Fröhliche ...
In meinem ersten Jahr bei der Firma Spatz gab es dann am 23. Dezember um 16 Uhr die große Überraschung: Frau Huber wandelte von Büro zu Büro und teilte allen Verkaufsmitarbeitern mit, daß sie ihre Arbeit sofort zu beenden hätten, um gemeinsam im braunen Salon ein gemütliches Beisammensein zu Ehren des Christkindes abzuhalten. Da dies ein Befehl des Chefs war, beeilte sich jeder, dessen Wunsch nachzukommen und räumte in großer Hektik seinen Schreibtisch auf. Ich war völlig erstaunt: eine halbe Stunde vor Feierabend wurde es uns gestattet, unsere Arbeit niederzulegen - was für ein Großzügigkeit!
Dann begaben wir uns in den vierten Stock und ich betrat zum ersten Mal den braunen Salon. Dieser trug seinen Namen vollkommen zu Recht. Es war ein düsterer, großer Raum, in dessen Mitte ein riesiger Konferenztisch für ungefähr dreißig Personen die Szenerie beherrschte. Der alte Tisch und die dazu passenden Stühle aus dem vorigen Jahrhundert waren genauso unbequem, wie sie aussahen, und ebenfalls in diesem fürchterlichen Braunton gehalten. Auch die entsprechenden Vorhänge konnten farblich nicht anders identifiziert werden, obwohl der Gilb schon ordentlich in ihnen gewütet hatte. Als Krönung des Ganzen prangte auch hier an der Wand ein Riesenportrait von Gustav Spatz - vermutlich aus den Gründerjahren - der uns streng über seinen strammen Bauch hinweg musterte.
Unter diesem unerbittlichen Blick verteilten wir uns an Gustavs Tafelrunde - wobei unser Haufen von elf Personen doch recht verloren wirkte. Dann wurde jeder Festteilnehmer von Frau Huber mit einem Sektglas versorgt und konnte voller Freude beobachten, wie dasselbe zur Hälfte großzügig mit Sekt gefüllt wurde. Zu mehr schien es leider nicht zu reichen, da nur zwei Flaschen vorhanden waren. Ja, für ausschweifende Gelage hatte schon Gustav kein Verständnis gehabt, und in dieser Tradition wurde in seinem treuen Gedenken und unter seinem strengen Blicke verblieben.
Nun richteten sich aller Augen auf den Verkaufsleiter und Geschäftsführer Herrn Bruttler, der sein Glas auf Weihnachten und den Erfolg der Firma erhob und sich dann von uns zuprosten ließ. Der Raum knisterte förmlich vor Steifheit. Ich war äußerst gespannt, wie dieses ausgelassene Fest sich nun weiterentwickeln würde. Ehrlichgesagt erwartete ich nicht, daß irgendwelche Kollegen in nächster Zeit nackt auf dem dafür wie geschaffenen Konferenztisch tanzen würden, dazu war die Stimmung wohl noch nicht heiß und der Sekt wohl nicht ausgiebig genug. Ich fragte mich eher, wie überhaupt eine Festlaune in diesem Raum, mit diesen Kollegen und mit diesem Chef aufkommen würde.
Bevor meine Spannung unerträglich wurde, begann die eigentliche Feier. Zunächst hielt der Herr Geschäftsführer eine ungefähr halbstündige Rede, in der er hervorhob, wie gut die Verkaufsabteilung im Allgemeinen und er im Besonderen im vergangenen Jahr sich bewährt hätten. Andere Personen wurden nicht extra erwähnt, er meinte nur, daß wohl jeder seine Arbeit mehr oder weniger gut geleistet habe. Dabei ließ er vielsagende Blicke unter den Anwesenden kreisen ... Was er damit genau aussagen wollte, habe ich nie ganz verstanden.
Dann begann kurz nach Feierabend der wohl lustige Teil der Veranstaltung. Nein, es tut mir leid, da muß ich den werten Leser wohl enttäuschen, es tanzte immer noch niemand auf dem wundervollen Tisch, und keine der anwesenden Damen versuchte sich im Vollrausch des halben Glases Sekt die Kleider vom Leibe zu reißen, es war einfach so, daß Herr Bruttler ein gesellschaftsfähiges Frage- und Antwortspiel begann. Dazu lachten dann die Anwesenden pflichtschuldigst im Takt und die ganz Gewitzten und Höhergestellten versuchten, auch ihren Senf dazu zu geben.
Herr Bruttler begann natürlich beim wichtigsten Mann der Abteilung, seinem ehemaligen Schulkameraden, Herrn Salz. Er stellte sich in Position, indem er sich in seine hagere Brust warf, und dröhnte in jovialem Ton:
Herr Bruttler:  "Hoho, na, Heinz-Egon, was wirst Du an Weihnachten machen? Dich der Familie widmen?"
Das konnte ein so bedeutender Mann wie Herr Salz nicht einfach im Raum stehen lassen, er mußte die Gelegenheit ergreifen, um seinen Fleiß herauszustellen. Es war doch wohl selbstverständlich, daß ein ganzer Kerl wie er ununterbrochen an das Wohl der Firma dachte und seine ganze Manneskraft nur derselben zur Verfügung stellte. Unabsichtlich die Haltung des werten Vorgesetzten und beneideten Schulkameraden nachahmend, wölbte sich auch seine schmale Brust vor, und seine spärlicher, preußischer Schnurrbart zitterte vor Inbrunst, als er bedachtsam seine wichtige Antwort wählte und von sich gab - man wußte ja nie, in welchem Geschichtsbuch man einstmals seine Worte wiederfinden würde ...
Herr Salz: "Aber nein, nicht nur, in erster Linie muß ich das neue Angebot für die XYZ Limited in Great Britain ausarbeiten, hoho!"
Herr Bruttler nickte zufrieden, ehe er zu seinem stellvertretenden Verkaufsleiter, Herrn Haas weiterging. Was für eifrige und einsatzfreudige Mitarbeiter er doch hatte - er konnte stolz sein: was immer zu tun war, wurde von diesen ganzen Männern ausgeführt, sie scheuten kein Hindernis, keine Opfer, um für ihn und die Firma dazusein. Es gab für sie kein Weihnachten ohne Arbeit für die Firma, so war es recht, das liebte er zu hören. Aufmunternd blickte er nun den bedächtigen Herrn Haas an, bevor er ihm eine ähnliche Frage zu stellen beliebte:
Herr Bruttler:  "Ja, und Sie, Herr Haas, werden Sie die Kindererziehung bei Ihren drei Söhnen vertiefen?"
Beifälliges Gelächter aus der Menge, ach, wie lustig unser Geschäftsführer das wieder formuliert hatte. Herr Haas zögerte etwas, denn er war ja von Natur aus sehr schwerfällig, aber er wollte natürlich hinter Herrn Salz auch nicht zurückstehen. Er war sehr stolz auf seine prächtigen Söhne, die alle nach ihm gerieten: sie wissen schon genau, wie sie ihre Mutter dazu bringen, sie von hinten bis vorne zu bedienen, ganz der Papa, dachte er stolz! Dies gedachte er auch zum Ausdruck zu bringen, wohl wissend, daß Herr Salz nur eine aufrührerische, halbwüchsige Tochter aufweisen kann, was diesen besonders aufgebracht den rebellischen, jungen Sekretärinnen gegenüber machte. Herr Haas brachte also seine Fortpflanzungsleistung nochmals voll den Anwesenden ins Gedächtnis:
Herr Haas: "Die muß man nicht mehr so sehr vertiefen, die ist schon ziemlich in Ordnung, ich habe nur prächtige Söhne, deshalb kann ich über die Feiertage auch ein paar Preislisten überarbeiten ..."
Begeistertes Gemurmel erhob sich unter dem Volk ob des Fleißes ihrer großen Führer, die kein Wochenende und keine Feiertage kannten, die sich niemals dem Privatleben hingaben, sondern stets nur der geliebten Arbeit frönten. Alsdann traf das Los Herrn Riegel. Herr Bruttler ging in einer genau vorgegebenen Mitarbeiterhierarchie vor, denn Ordnung mußte wirklich sein. Seine Begeisterung für die Tugenden der Untergebenen brachen sich in seiner nächsten Frage:
Herr Bruttler:  "Hohoho, so fleißige Mitarbeiter habe ich! Und was werden Sie an Weihnachten arbeiten, Herr Riegel?"
Herr Riegel verzog fast unmerklich das Gesicht, ich hatte den spontanen, unverständlichen Eindruck, daß er sich mehr über die freien Tage als über die Arbeit bei Gustav Spatz freute. So deutlich konnte er das aber auch nicht zugeben, daher äußerte er sich relativ neutral, wählte seine Erwiderung mit Bedacht, um nicht das nächste halbe Jahr in Mißkredit zu geraten - so etwas konnte erfahrungsgemäß bei Spatzens nur allzuleicht geschehen ...
Herr Riegel:   "Tja, uns stehen ziemlich viele Verwandtenbesuche ins Haus, da will ich mal sehen, ob noch Zeit übrig bleibt ..."
Eine echte Diplomatenantwort, fand ich. Na ja, zehn Punkte oder einen VW Golf hatte er mit dieser Antwort nicht gewonnen, aber da das Fest der Liebe vor der Tür stand, wurde ihm großmütig verziehen. Es waren ja noch mehr Kandidaten da, wie zum Beispiel Herr Konz, der etwas nervös dem Kommenden harrte, als er merkte, daß er nun an der Reihe sein würde. Irgendwie kam mir diese Farce wie ein Tanz auf dem Hochseil vor: noch war der Herr Geschäftsführer gewogen, aber man wußte ja, wie leicht er verstimmt werden konnte, was einer echten Katastrophe glich!
Herr Bruttler:  "Na, aber Sie, Herr Konz, werden sich doch nicht auch auf die faule Haut legen wollen, hoho?"
Oh, da war sie dann auch, die kleine Spitze gegen Herrn Riegel und die Warnung an Herrn Konz. Letzterem stand auch nicht gerade die Freude über diese Frage ins Gesicht geschrieben, aber er blieb wie immer ruhig und beherrscht - eine Haltung, die ich an ihm wirklich bewunderte. Gleichzeitig fragte ich mich, wie er sich aus der Klemme ziehen würde, denn meiner Erfahrung nach war er stets sehr ehrlich - aber eine ehrliche Aussage war hier wohl im Moment nicht so sehr gewünscht.
Herr Konz: "Im Prinzip geht es mir gleich wie Herrn Riegel, und Sie werden das sicher auch kennen: viele Leute kommen zu Besuch und viele Besuche müssen gemacht werden."
Eine diplomatische Glanzleistung, diese Äußerung stellte sogar Herrn Riegels Ausweichmanöver noch in den Schatten, fand ich. Besonders diese integrierte Gegenfrage, exzellent, wirklich. Dieser Situationsvergleich, vom Feinsten, ich war völlig baff. Ähnlich ging es wohl auch Herrn Bruttler, der darauf eigentlich nichts zu sagen vermochte, und deshalb schnell zum Schlußlicht der Ingenieure, Herrn Dartagnan, überging. Dieser war in der Regel ein gutes und dankbares Opfer ohne jeglichen diplomatischen Immunitätsanspruch, und Herr Bruttler hoffte selbstverständlich, dies ausnutzen zu können. Herr Dartagnan begann auch schon, unruhig auf dem Stuhl zu rutschen, und ich vermeinte, eine stärkere Schweißbildung in seinem runden, roten Gesicht zu erkennen.
Herr Bruttler:  "So, so, aber unser Herr Dartagnan hat bestimmt mehr als genug zum Aufarbeiten über Weihnachten, oder täusche ich mich da, hohoho?
Das Gelächter schwoll im angemessenen Verhältnis zu Herrn Bruttlers Lache an, eben wie man es von den billigen Seifenopern im Fernsehen als Hintergrund- gelächter gewohnt war. Herr Dartagnan wand sich sichtlich, wie immer, wenn er die Zielscheibe des Gespöttes der anderen Herren war, aber er versuchte sich mannhaft zu halten. Schließlich galt es, aus diesem schlechten Ruf herauszukommen.
Herr Dartagnan: "Aber nein, soviel habe ich gar nicht aufzuarbeiten! Trotzdem werde ich mich über Weihnachten natürlich ganz der Firma widmen, wie es sich gehört!"
So sehr überzeugend klang das ja nicht, einige der Anwesende grinsten höhnisch ob des verzweifelten Versuches, sein Image aufzupolieren. Ob er damit noch Punkte gemacht hatte, war nicht ganz sicher zu erkennen, vielleicht war es wiederum nur der friedlichen Feierlaune zu verdanken, daß Herr Bruttler das Thema nicht vertiefte. In seiner unendlichen Güte wurden nun tatsächlich auch die Damen des Verkaufs angesprochen. Der Rangfolge nach war die erste Angesprochene seine Chefsekretärin, Frau Huber, die zum Jahresende gekündigt hatte, um sich angeblich mehr ihrem erfolgreichen Manne widmen zu können. Herr Bruttler nahm ihr diesen Wunsch mehr als übel, und er vergaß kurz, daß das Fest der Liebe vor der Türe stand, schließlich mußte er noch irgendwie seine Wut in dieser Angelegenheit loswerden: Frechheit, IHN zu verlassen, und ihm die Mühe zuzuschieben, eine neue Sekretärin suchen zu müssen. Er schaute sie etwas ungehalten an, als er höhnisch fragte:
Herr Bruttler: "Na, Frau Huber, Sie benötigen ja die Weihnachtsfeiertage eigentlich gar nicht zur Erholung, da Sie sich nun Ihr Leben lang erholen können, hoho!"
Frau Huber fand diese Bemerkung nicht so lustig wie der lachende Chor im Hintergrund, sie lief rot an. Aber dank jahrelangem Training verfügte sie über vollendete Körperbeherrschung und brachte eine kühle Entgegnung. Ich beobachtete sie scharf und beschloß, mir möglichst viel von dieser Selbstbeherrschung anzueignen, als sie überlegen sagte:
Frau Huber: "Sie irren sich leider, wenn ich zukünftig meinen Mann unterstütze, habe ich vermutlich überhaupt keine Freizeit mehr, daher muß ich die letzten geruhsamen Weihnachtsfeiertage unbedingt genießen!"
Verständnisvolles Nicken von der Umwelt war angesagt, sie hatte sich überlegen geschlagen, und warum sollte man einer ausscheidenden Kollegin noch zusätzlich einen Fußtritt verpassen? Als die Resonanz für sie ist, beschloß Herr Bruttler, sich besser auf das nächste Opfer zu konzentrieren. Die Etikette bestimmte, daß Frau Meier, eine vor der Heirat mit einem Deutschen adlige Madame aus Frankreich, an der Reihe war.
Herr Bruttler:  "Und Sie, Frau Meier, feiern Sie als Französin Weihnachten überhaupt? Oder küssen Sie nur unterm Mistelzweig, wie es bei Ihnen der Brauch ist?"
Ein Lachsturm entwickelte sich, ach, unser Chef war heute einfach wieder brillant. Frau Meier schien das zwar nicht so sehr zu finden, aber ihre gute Erziehung verbot ihr natürlich, ihre wahren Gefühle, sprich ihre Verachtung ob dieser ignoranten Unwissenheit, zu äußern. Daher entschied sie sich für eine höfliche Antwort, obwohl ich ihr anzusehen glaubte, daß sie Herrn Bruttler am liebsten einen bösen Ausdruck ins Gesicht geschleudert hätte. Ihre linke Augenbraue hob sich arrogant, als sie lässig zu ihrer Antwort ansetzte, dabei ihren süßen, französischen Akzent charmant zu ihren eigenen Gunsten einsetzend:
Frau Meier: "Aber, 'err Bruttler, Sie bringen leider etwas die Briten und die Franzosen durscheinander, wir Franzosen feiern schließlisch das stilvollste Weihnaschtsfest der ganzen Welt und wir 'aben keine so geschmacklosen Gebräusche!"
Anerkennende Blicke erntend, fühlte sie sich nach dieser Äußerung wieder wesentlich zufriedener. Auch Herr Bruttler war mit der Antwort zufrieden, zeigte sie doch, was für kulturell hochstehende Mitarbeiter er eingestellt hatte. Nun war die Australierin, Frau Gabler, an der Reihe. Wieder eine unwiderbringliche Möglichkeit, seine grandiose Allgemeinbildung und Welterfahrenheit zum Ausdruck zu bringen: war das nicht dieses seltsame Land am Ende der Welt, wo nur Schafzüchter lebten? Da mußte es doch ein Leichtes sein, auf Kosen dieser Dame ein entsprechendes Witzchen zu machen - zumal sie so unverschämt war, gleich vier Wochen Urlaub auf einen Schlag haben zu wollen, um nach vielen Jahren wieder einmal nach Australien zu den Verwandten zu reisen.
Herr Bruttler: "Ja, und Sie, Frau Gabler, haben nun einfach vier Wochen Urlaub nach Weihnachten genommen, um nach Australien zu fliegen? Sie sehnen sich wohl nach den Känguruhs, hohoho? Ist es dort nicht zu heiß, um Weihnachten zu feiern?"
Die Känguruhs brachten ihm wieder ein gewaltige Lachsalve ein, in der er sekundenlang ausgiebig schwelgte. Frau Gabler schien unangenehm berührt zu sein von seinen Worten, sie zuckte ein bißchen zusammen, als er so fachmännisch von Känguruhs sprach. Außerdem hatte sie enorme Probleme gehabt, diesen langen Urlaub zu bekommen, obwohl sie zum ersten Mal nach sieben Jahren wieder ihre Verwandten zuhause besuchen wolle. Herr Bruttler labte sich noch entzückt an dem anschwellenden Gelächter, dann ergriff aber leider schon Frau Gabler das Wort.
Frau Gabler: "Nein, wir feiern Weihnachten schließlich immer im Sommer und sind daher daran gewohnt. Känguruhs gibt es übrigens mitten in Sydney, wo ich hinfliege, auch nur im Zoo, dies zu Ihrer Information."
Herr Salz beschloß nun, sich auch einmal wieder in Erinnerung zu bringen, und mischte sich in das hochinteressante Gespräch ein. Nur den Claqueur zu spielen, behagte ihm auf Dauer dann doch nicht: er kehrte sofort den hochintelligenten, welterfahrenen Reiseingenieur heraus, der ausnahmsweise bereit war, seine guten Tipps kostenlos - sogar an eine Frau - zu verteilen. In erster Linie natürlich, um die anderen Anwesenden durch sein überwältigendes Wissen zu beeindrucken, in zweiter Linie, um sich endlich wieder in den Vordergrund zu spielen.
Herr Salz: "Na, für Australien müssen Sie aber Deutsche Mark umtauschen, hoffentlich haben Sie daran gedacht?"
Alle horchten gespannt auf, während ich mich fragte, warum Frau Gabler als gebürtige Australierin NICHT an australische Dollars gedacht haben sollte. Schließlich würde sie sich ja nicht das erste Mal in ihrem Leben dort aufhalten. Ihre Antwort fiel auch entsprechend aus, was ich in mich hineingrinsend honorierte.
Frau Gabler: "Selbstverständlich, das weiß ich bereits seit meiner Geburt. Ich habe die australischen Dollars sogar schon bei mir, weil ich morgen fliege!"
Ein allgemeines Raunen erhob sich im Saal. Herr Bruttler beschloß, das Gespräch wieder an sich zu reißen, war es doch schon viel zu langen in anderen Händen gewesen. Ich ergötzte mich immer noch an der Bemerkung, daß Frau Gabler die australischen Dollars schon seit ihrer Geburt kennt, eine solche Anmaßung, die aber den Herren noch nicht aufgestoßen zu sein scheint. Her Bruttlers Initiative lenkte dann die Aufmerksamkeit endgültig -  allerdings ungewollt - in eine andere Richtung:
Herr Bruttler: "Tatsächlich? Dann dürfen Sie die Scheine mal herumgehen lassen, damit jeder mal australisches Geld gesehen hat."
Seine Großzügigkeit kannte kurz vor Weihnachten wirklich keine Grenzen, das mußte man neidlos zugeben. Frau Gabler zückte allerdings wenig begeistert ihren Geldbeutel und zeigte ein paar Scheine vor, die dann in der Runde kreisten. Herr Haas und Herr Salz versuchten zu den australischen Dollars noch ein paar passende geistreiche Witzchen zu machen, die allerdings - glücklicherweise, da sehr geistlos - im allgemeinen Gemurmel untergingen. Und Herr Bruttler ließ sich nicht so leicht ein weiteres Mal das Zepter des Veranstaltungsführers aus der Hand nehmen und ging schnell zum nächsten Punkt des Geschehens über. Eigentlich ein uninteressanter Punkt, aber man mußte ja dem Protokoll gerecht werden.
Herr Bruttler: "Na, und Sie, Frau Feist, Sie fahren ja nicht nach Australien, oder?"
Viel mehr fiel ihm zu unserer unauffälligen, grauen, ängstlichen Maus nicht ein. Frau Feist war eine langjährige, völlig verschreckte Mitarbeiterin, zu der er nur hätte "Buhhh" sagen müssen, dann wäre sie in Ohnmacht gefallen. Aber auch bei ihr war er heute sehr großzügig: eine reine, kurze Höflichkeitsfrage, um der Ordnung Genüge zu tun. Frau Feist erschrak wie immer leicht, wenn das Wort von einem Höhergestellten an sie gerichtet wurde, und antwortete dann rasch mit ihrer üblichen zitternden und piepsigen Stimme, um schnellstmöglich die Rolle des Mittelpunktes der Veranstaltung wieder loszuwerden.
Frau Feist: "Nein, nein, ich muß natürlich wieder den Großputz zu Weihnachten machen, wie jedes Jahr..."
Diese Äußerung hatte natürlich keine so große Resonanz an Interesse wie eine Australienreise. Ich persönlich hatte den Eindruck, die meisten hatten gar nicht zugehört. Frau Feist atmete erleichtert auf, als der bittere Kelch weiterging. Da es zum Hausputz nichts zum Beanstanden gab, konnte Herr Bruttler endlich zur zuletzt eingestellten Person, nämlich meiner Wenigkeit, übergehen, um den Kreis endlich zu schließen.
Herr Bruttler:  "Tja, und Sie, Fräulein Graf, Sie werfen wohl endlich zu Weihnachten Ihr Motorrad auf die Müllkippe, und lassen sich ein ordentliches Auto schenken?"
Dazu muß ich nun kurz vermerken, daß mein Hobby, das Motorradfahren, bei Herrn Bruttler von Anfang an sehr schlecht angekommen war. Dabei war ich die ersten Monate bei der Firma von meinem Motorrad sehr abhängig, weil ich noch kein Auto besaß. Es hatte jeder schnell mitbekommen, daß ich mit dem Motorrad zur Arbeitsstelle anzureisen pflegte, da wir einen sehr übersichtlichen Firmenparkplatz hatten..
Umgehend mußte ich daraufhin beim Herrn Geschäftsführer vorstellig werden, der mir mitteilte, daß er dies äußerst ungern sehe, da es angeblich zu gefährlich sei. Die wahren Gründe hatte er eigentlich genannt, diese gingen in die Richtung "Frauen tun das nicht", "es schadet dem Firmenansehen" - daher verpufften seine Ermahnungen relativ wirkungslos an mir. Natürlich wurde mein Einwand, daß ich weder eine annehmbare Verkehrsverbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln noch ein eigenes Auto hätte, nicht akzeptiert, ja, einfach beiseitegefegt - in seiner Firma hatte keine Angestellte Motorrad zu fahren, das war seine unumstößliche Meinung.
Leider konnte sich Herr Bruttler aber damals auch nicht dazu aufraffen, mich mit einem entsprechenden Gefährt auszustatten, um meine verruchte Motorradseele zu befreien. Auch meine Bemerkung, daß ich persönlich sehr vorsichtig zu fahren pflegte, fruchtete nicht. Erst als ich Mitte November mit einem alten VauWeh anratterte, verschonte Herr Bruttler mich mit seinen ewig gleichen Bemerkungen. Aber kurz vor dem Fest des Friedens schien ihm das Thema noch einmal aufgestoßen zu sein. Trotz des besinnlichen Anlasses war ich auch dieses Mal nicht gewillt, dem blöden Geschwätz des Herrn Vertriebsleiter zuzustimmen. Schließlich war ich auch nur ein Mensch, und für gewöhnlich fühlen sich Menschen genervt, wenn sie sich hundert Mal dieselben dummen Bemerkungen anhören müssen.
Fräulein Graf: "Nein, ich denke nicht daran, mein Motorrad auf die Müllkippe zu schaffen, denn erstens ist eine solche Entsorgung gesetzlich nicht zulässig, und zweitens ist dieselbe auch nicht notwendig, da die Maschine noch vollkommen funktionstüchtig ist. Davon dürfen Sie sich ab dem Frühjahr gerne wieder persönlich überzeugen!"
Da war natürlich wieder mein kleines Teufelchen am Werk gewesen - so war konnte ich einfach nicht lassen. Lachkanonaden erntete ich damit natürlich nicht, da der Vorlacher nicht in der entsprechenden Stimmung war. Stattdessen herrschte atemloses, eisiges Schweigen im Braunen Salon und der Herr Geschäftsführer begann bereits wieder auf eine Art die Stirn zu runzeln, die uns besagte, daß er sich gereizt fühlte. Herr Haas sah sich verpflichtet, die Situation zu entschärfen, vermutlich weil ich ja seine persönliche Sekretärin war. Ich hätte gerne darauf verzichtet, aber was sich im schwerfälligen Haas'schen Gehirn mal gebildet hatte, war in der Regel nicht mehr aufzuhalten: es bahnte sich wie ein Komet seinen Weg durchs All!
Herr Haas: "Ha noi, wahrscheinlich fährt's Froilein Graf an Weihnachta mit'm Motorrädle om dr Weihnachtsbaum rom, haha!"
Lautes beifälliges Gelächter schallte wieder durch den anheimelnden Konferenzsaal - Herr Haas hatte es tatsächlich geschafft, die gute Stimmung mit einer saublöden Bemerkung zu retten. Diese Bemerkung beschloß ich einfach zu ignorieren. Zum einen, da mir vermutlich sowieso kein zweites Mal das Wort erteilt werden würde, und zum anderen, weil sie wirklich zu doof war, um darauf zu antworten.
Herr Bruttler ging dann auch recht schnell dazu über, noch ein wenig Smalltalk bezüglich des Vertriebsgeschäftes mit seinen werten Herren zu betreiben, während die Damen dazu bewundernd zu schweigen hatten. Ich begann, des öfteren auf die Uhr zu schielen, und war geradezu überwältigt vor Erleichterung, als kurz nach 17 Uhr der Herr Geschäftsführer abrupt aufstand und erklärte: "Hiermit ist unser fröhliches Fest beendet!" Fast alle schossen von ihren Stühlen auf und wandten sich in Richtung Ausgang, schließlich saßen auch alle schon längst auf dem Trockenen, mit Ausnahme von Herrn Bruttler und Herrn Salz, die vor der zweiten Sektflasche saßen und sich ungehemmt bedienten. Herr Salz beschloß, bei dieser Verpflegung weiterzufeiern, ich konnte aus den Augenwinkeln beobachten, wie er sich und seinem guten Schulkameraden nochmals nachschenkte. Damit war mir klar, daß das Fest weiterging, allerdings ohne die Anwesenheit des Pöbels ...
Anscheinend war das Weihnachtsritual schon sehr alt und eingespielt. Man verabschiedete sich voneinander, wobei die Verabschiedung von Frau Huber etwas länger ausfiel, da sie am heutigen Tag zum letzten Mal in der Firma war. Ich konnte beobachten, wie sie gerührt Herrn Bruttler, ihrem langjährigen Chef, die Hand schüttelte, und wie er ihr ungerührt etwas ins Ohr flüsterte. Darauf wandte sie sich errötend von ihm ab, so daß ich mich fragte, was für eine Schweinerei er ihr wohl eingewispert hatte.
Ich sollte es erstaunlicherweise bald erfahren: in aufgelöstem Zustand kam sie zu mir und bat mich, sie noch kurz in ihr Büro zu begleiten. Dort wandte sie sich mit Tränen im Auge mir zu, um mir mitzuteilen, was der Chef ihr beim Abschied zugeraunt hatte. Voller Schrecken vermutete ich, er hätte das letzte Weihnachtsgeld von ihr zurückgefordert, dieses hätte mich auch in dunkle Abgründe der Verzweiflung getrieben. Verständnisvoll ging ich auf sie zu, als sie schluchzte: "Er hat mich soeben treulose Tomate genannt, weil ich ihn verlasse!"
Zuerst blieb mir die Spucke weg, dann lag es mir auf der Zunge zu sagen, sie wäre aus diesem Grund keine treulose Tomate, sondern in meinen Augen eine wahnsinnig intelligente Frau, als ich aber einsah, daß dies ihren Schmerz nicht verkleinern würde. So blieb mir nur, sie zu trösten, indem ich sagte: "Verzeihen Sie ihm, er spricht nur in seinem übergroßen Verlust, in dem Gefühl, daß Sie eine nicht endenwollende Leere in ihm entstehen lassen, in diesem Ton zu Ihnen!" Ein leichtes Strahlen, das mir zeigte, daß ich die richtige Beruhigungsmethode gefunden hatte, wanderte über Frau Hubers Gesicht: "Meinen Sie wirklich?" und als ich bekräftigend nickte, meinte sie noch gerührt: "Ich werde ihm sagen, daß ich - wenn immer im Unternehmen Not an der Frau ist - ihm sofort hilfreich zu Seite stehen werde!" Mir bleibt nur noch zu vermerken, daß sie nie wieder in der Firma gesehen ward: schließlich würde ein Herr Bruttler auch in der größten Not NIE auf eine treulose Tomate zurückgreifen!
Im folgenden Jahr wurde zu meiner großen Erleichterung das Weihnachtsfest in der Kantine abgehalten, weil diese kurz zuvor umgebaut worden war. Zudem durften alle Mitarbeiter teilnehmen, das heißt, es mischten sich tatsächlich Arbeiter und Angestellte untereinander. Ich muß gestehen, es wurde eine wirklich lustige Feier, ich saß nämlich unverschämterweise mitten unter den Arbeiterjungs, und von denen stand auch keiner nach einer Stunde auf, um uns mitzuteilen, daß die Feier beendet sei. Darüber hinaus gab es auch für jeden in ausreichender Menge zu trinken, keiner mußte dürstend nach Hause gehen ...
Herr Bruttler erschien mit seinen gehobenen Vasallen und Vasallinnen glücklicherweise nur kurz, um seine Ansprache an die Anwesenden zu bringen, ein Gläschen zu trinken, und sich danach wieder naserümpfend zu entfernen. Da ich zu diesem Zeitpunkt sowieso schon in Ungnade gefallen war, beschloß ich, mit dem Pöbel, zu dem ich eh' schon gezählt wurde, fröhlich weiterzufeiern. Frau Gabler leistete uns auch noch Gesellschaft dabei, so daß man wirklich nur von einer angenehmen Runde sprechen konnte.
Einige Tage später kam mir ein neuer Vorsatz des Herrn Bruttlers für zukünftige Weihnachtsfeiern zu Ohren: er wollte noch einen Nebenraum der Kantine auf nobelste Art ausbauen lassen, um dort unter dem Jahr Gäste zu bewirten, und an Weihnachten separat und vornehm - vom Mob getrennt - zu feiern. Mir wurde spontan klar, daß ich an Weihnachten diesen Raum nicht betreten wollte. Es kam allerdings während meiner Dienstzeit glücklicherweise nie soweit, daß ich diese ketzerische Äußerung bis zu den Ohren des Chefs vordringen lassen mußte.