Reale Virtual Reality
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(Autor: Olli, 04.03.1998)
Wer kennt Sie nicht - die virtuelle Realität, die ganz real in unser Leben tritt. Zur Zeit drängeln sich die Visionäre auf die Rednerpulte und schwärmen uns vor, wie das neue Zeitalter, das Cyber- Zeitalter, aussehen wird. Neuro- Interfaces, intelligente Software, perfekte Sprach-Interfaces, Sensor- Transfer ins menschliche Gehirn, implantierte Mini-Computer in den Nervenbahnen, Laserschwerter und Warp-Antrieb. Oh, Verzeihung, falsche Filme. Aber davon lassen wir uns doch nicht aufhalten, weg mit der idiotischen Phantasterei der Phantasten, der verstaubten Science-Fiction der Science- Fictioner, der sabbernden Süßholz-Fantasy der Fantasiaten !
Hier kommt die echte Zukunft.
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JA, DAS IST DIE ZUKUNFT
JA, DAS IST WAS WIR BRAUCHEN
JA, DAS IST WAS WIR WOLLEN
THAT ARE THE THINGS GOING ON !
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Und hier ist ER, Dein erster Arbeitstag in der virtual reality-Fabrik Milestone One !
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"Die virtual reality-Fabrik Milestone One (One bitte mit großem O) ist die erste tatsaechliche Realisierung eines umfassenden virtual reality-Control- Konzeptes für umfangreiche, voll integrierte Produktionssysteme. Alle Teilnehmer des Netzes - Menschen, kuenstliche Intelligenzen, semi- autonome Roboter, Produktionsanlagen und überwachungssysteme - sind vollstaendig miteinander vernetzt und überwachen sich gegenseitig. Die bisherigen Inselloesungen und Teilloesungen virtueller Realitaet werden somit erstmals als, aeh, reales, integriertes und in sich schluessiges Konzept, aeh, realisiert. Noch Fragen?"
"Warum enthaelt Ihr semiautomatisch mitgeschriebenes Protokoll keine Umlaute?"
"Unsere Control-Software benutzt das modernste Multi-Wort-System zur Darstellung aller weltweit gueltigen Zeichen. Sobald einige kleinere, technisch bedingte Adaptionsprobleme in diversen peripheren Systembereichen beseitigt sind, werden wir auch Umlaute darstellen. Wir überlegen aber zur Zeit, ob wir den vermeintlichen Mangel nicht belassen und als ersten Schritt in die weltweite Standardisierung aller Zeichensaetze betrachten."
(Aus dem Protokoll der ersten Pressekonferenz zum Genehmigungsverfahren von Milestone One)
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Kurz vor Mitternacht triffst Du in Deiner Schicht in Milestone One ein. Während Du noch den entkoffeinierten Gaffee schlürfst, informiert Dich der Vorarbeiter der vorherigen Schicht über den Produktionsablauf:
"Für Werk 3 sind wieder einmal zu viele Eilaufträge eingegangen. Unsere Produktionskapazitäten sind zwar schon seit Tagen überlastet, aber seit der Vertrieb die Kapazitätsparameter auf über 100% setzen kann, laufen die Eilaufträge einfach durch die millionenteuren KI-Checks durch. Dazu sind die semi-autonomen Logistik-Robots A5 bis A26 zur Zeit ausgefallen. Irgendso ein Trottel aus der Zentrale hat ohne Rückfrage mit uns die neuesten Betriebssystem-Patches eingespielt, und jetzt booten sie nicht mehr hoch. Die Hochdruckpresse ist wie gewohnt alle paar Stunden der Meinung, daß sie überhitzt, aber wenn ihr die Sicherheitssysteme der benachbarten Schock-Molekular-Fixer deaktiviert, kühlt das tiefgefrorene Kohlendioxid aus den Sicherheitsventilen die Anlage weit genug ab."
"Tja, die Patches von Millisoft habens in sich. Was macht die Laderampe der 200t-Transporter?"
"Ach, Cagal, natürlich hat irgendeine Automatik wieder die Auslaßstutzen nicht getroffen. Sicherheitstech hat schon tausendmal gesagt, daß die billigen Positionieroptiken uns noch einmal ein Problem machen werden, aber die Pfennigfuchser-KI von der Buchhaltung sieht natürlich nur die Kosten. Jetzt haben wir ungefähr 60 Liter Öl im Anfahrtsbereich."
"Das sollten die ReinRobs doch längst weg haben?"
"Reg mich bloß nicht auf. Die Transporter haben noch nicht den neuen Kleinobjekt-Recognizer. Die ersten acht ReinRobs hats zermanscht, daraufhin hat die Reparatur-Automatik alle noch freien RepRobs rausgeschickt, weil ihr Sicherheitssystem Alarm geschlagen hat. Die sind jetzt auch platt."
"Was solls, auf diese Weise plant RepAuto nicht dauernd irgendwelche Wartungs- und Verifikationsintervalle in die Produktion hinein. Vielleicht können wir ja die Aufträge zügig abarbeiten."
"Wenn Ihr Glück habt. Auf den Transportbändern 3 und 8 sind neue Netzwerk-Interfaces eingebaut worden. Die sind nicht 100pro kompatibel zum 1Terabit-Standard. Seitdem stürzen die Controller gelegentlich mit Hardware-Exception ab. Kein Problem. Wenn ihr einen security stop mit anschließendem Wiederanlauf macht, kommen sie wieder hoch. Dauert knapp 200 Millisekunden. Danach diskutierst Du noch 8 Minuten mit dem Unfall-Supervisor-Expertensystem in der altbekannten Weise, bis es mit dem logical overflow rausfliegt."
"Wieder mal an der falschen Stelle gespart. Hilft nichts, müssen wir durch. Hoffentlich beseitigen die nie den Fehler im logischen Kalkül-Planmodul."
"Jo. Viel Spaß damit. Muß jetzt ins Krankenhaus. Grachmanns implantierter Produktionsplanungs -  Optimierungs - Chip ist in ein suboptimales Minimum gelaufen und hat daraufhin die gesamte Neuro-Chip-Capacity an sich gezogen. Jetzt atmet er nur noch dreimal in der Minute. Wahrscheinlich hat sein Unterbewußtsein schon zehn hoch Anzahl der Atome im Universum mögliche Produktionsfolgen durchgerechnet. Der Bio-Boot hat auch nicht funktioniert, alle Nervensysteme sind blockiert."
"Mist. Die Uni hat doch versichert, der Chip sei narrensicher!"
"Sie haben sofort irgendeinen Professor für Chaostehorie und ein paar Typen der Fakultät für genetische Algorithmen geholt. Die streiten sich jetzt über die theoretischen Grundlagen der eingesetzten Optimierungstrategie. Idioten. Ciao."
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JA, DAS IST DIE ZUKUNFT
JA, DAS IST WAS WIR BRAUCHEN
JA, DAS IST WAS WIR WOLLEN
THAT ARE THE THINGS GOING ON !
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Nachdem Du die Nachrichten verdaut hast, die sich um nichts von der üblichen Routine unterscheiden, schmeißt Du die Gaffee-Tasse in den Polymer-Recycler und gehst zwanzig Minuten vor Arbeitsbeginn in den Adaptionsraum. Deine beiden Kollegen sind bereits da und im System eingeklinkt. Während Du zu Deiner Liege gehst, riechst Du, daß Charlie seinen Klistier schon wieder nicht richtig befestigt hat. Du bist höllisch froh, daß die Personalabteilung sich zusammen mit der Betriebsarzt-KI gegen die Buchhaltung durchgesetzt hat und jeder Operator seinen eigenen persönlichen Datenanzug benutzt.
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"Die virtual reality-Kapazität des Systems erstreckt sich auf alle relevanten biologischen Funktionen der 'human resource'. Die visuellen Senso- Interfaces mit hoher Auflösung präsentieren dem Supervisor eine perfekte Cyber-Landschaft. Der Spezial-Datenanzug versetzt den Supervisor in eine neue, aufregende Welt. Während der Zeit in der virtual reality sind alle Neuro- Prozessoren damit beschäftigt, das Wirklichkeitserleben zu perfektionieren. Der Supervisor ist geistig förmlich von seinem Körper losgelöst."
(Aus einem Prospekt der Millisoft Corporation)
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Punkt zwei Minuten vor Arbeitsbeginn liegst Du voll eingekleidet im Datenanzug auf Deiner Liege und aktivierst die Systeme. Danach ziehst Du hektisch die Datenhandschuhe aus, entfernst die ganzen Schläuche, an die Du angeschlossen bist, stehst auf und stöpselt den 2mm-Ministecker des 80-Kanal-Terabit-Supraleitungskabels erneut in den Anschluß. Der Datenanzug kostet zwar mehr als das Jahresgehalt des Firmenpräsidenten, aber um wenigstens symbolisch Kosten zu sparen, wurde die etwas billigere Variante des Ministeckers genommen - die mit dem weichen und längst abgenutzten Plastikstecker anstelle des Metallstöpels.
10 Sekunden vor Arbeitszeitbeginn sind Deine Systeme endlich aktiv. Glücklicherweise, den bei verspätetem Arbeitsbeginn kündigt Dich die Personalabteilungs-KI vollautomatisch nach dem neuen, für Arbeitnehmer und -geber gleichermaßen optimierten Arbeitsrecht. Selbst der Personalchef könnte Dir dann nicht mehr helfen, seit nach der letzten Novelle des Zertifizierungsgesetzes auch KIs ab der Turing-Klasse 17 unterschriftsberechtigt sind.
Punkt 0:00 fallen wie jeden Tag alle Systeme für eine Sekunde aus. Irgendein Programmier hat die Thematik mit dem Wechsel von 23:59:59 auf 24:00:00 bzw. 00:00:00 Uhr nicht in Griff bekommen. Das Problem stellte sich erst bei den Echtzeit-Tests heraus, da die Simulationssysteme zum Testen der Fabrik andere Zeitroutinen besaßen. Mittlerweile haben sich aber alle daran gewöhnt, außerdem wagt sich keiner mehr an den damals revolutionären Systemkernel mit den selbstmutierenden Objekten und nicht- linearen Neuro-Netz-Expertensystemen heran.
Punkt 00:00:01 bist Du im Netz.
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JA, DAS IST DIE ZUKUNFT
JA, DAS IST WAS WIR BRAUCHEN
JA, DAS IST WAS WIR WOLLEN
THAT ARE THE THINGS GOING ON !
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Das System loggt Dich wie üblich am zentralen Platz ein. Rings um diesen Platz türmen sich die Prozessor-Tower mit ihren gigantischen Multi-IO- Portalen. Nahverkehrs-Hochleistungsnetze belegen die dreidimensionalen Straßen mit ihren grellroten Bahnen. Überall um Dich herum summt das normale Geräusch korrekt verarbeiteter Informationen und gültiger Checksummen. Der Himmel zeigt das normale Bild von 1,44 Millionen hellblauer Pixel.
Gründlich suchst Du ihn nach orangenen oder hellroten Punkten ab, die Fehler anzeigen. Nicht zum erstenmal verfluchst Du den Designer dieser scheiß-erbärmlichen virtual reality, den Blödmann, der der Meinung war, es sei toll, den Himmel als allgegenwärtige Statusanzeige zu benutzen. Nach fünf Minuten gründlicher Suche, nachdem Dir die Augen tränen und der Nacken weh tut, weil die dreidimensionale Lagekontrolle des VR-Systems keine Schwenks Deines Meta- Icons um die Querachsen verarbeitet, läßt Du dich in 100 Levels Höhe steigen und bootest wie Deine Kollegen Deine persönliche Steuerconsole hoch.
Während des Konsolen-Inits überschaust Du das Panorama dieser gigantischen Stadt, die in einem Raum ohne Grenzen hängt, wächst, sich entwickelt und arbeitet. Gigantische Wolkenkratzer im Stadtzentrum instanzieren die Hochleistungs-Prozessoren, die blitzenden Lichter ihrer Pseudo-Fenster repräsentieren aktivierte, semi-intelligente Subeinheiten. Grellweiße Expertensysteme und KIs treffen sich auf den Plätzen, schnüffeln fleißig die rotleuchtenden Datenströme mit ihrem pulsiernden Licht ab. Blaue Sicherheitssysteme patroullieren unablässig durch die Straßen und suchen nach nicht genkodierten Programmsequenzen, die eingeschleuste Viren verraten. Brodelnde Trichter in der Substanz der virtual reality selbst saugen online Kopien aller Verarbeitungsvorgänge in sich auf und speichern sie auf subatomaren Quantendatenträgern. Vor der Stadt erstrecken sich die kleineren Häuser der instanzierten Objekte und Datenhaufen, ein wimmelnder Dschungel entstehender und vergehender selbständiger Untersysteme. Gelbes Gleißen begleitet die Datenabrufe der Prozessoren, immer wieder implodieren ganze Straßenzüge von Objekten in die Datenleitungen, rasen ins Zentrum, werden durch die autonomen Verkehrsleitsysteme der Transputer-Kommunikation geschossen, um schließlich in den Towers der City ihre hektische Arbeit zu verrichten. Das ist das Herz von Milestone One!
Weit in der Ferne glitzern die Trabantenstädte separater Werks- Steuersysteme. Autobahnen und Metros gleich schlängeln sich gigantische Fiberglaskabel blutroter Datenströme zwischen der Stadt und ihren Trabanten dahin. Vereinzelt, isolierten Inseln gleich, scheinbar nur durch einige schwache Verbindungen am Leben gehalten, gepanzert mit schwarzem Hoch-Sicherheits-Ice, schwimmen die Super-Security-Systeme der Geschäftsleitung, der Buchhaltung und des Personalwesens in der VR- Suppe.
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Das Fiepen des Konsolen-Inits reißt Dich aus Deiner Betrachtung:
"N-T System Kernel Boot Error. Kernel file damaged. Possible a serious system error or not. Boot sequence stopped."
Mist. Angeblich schwirrt dieser Fehler schon seit der Urzeit der Computer in den Betriebssystemen der Millisoft herum. Wie kann jemand nur ein Betriebssystem ohne Kernel-copy bootup basteln. Pfusch. Fluchend öffnest Du einen Kommunikationskanal zu SysTech:
"Hallo, hier ist SysTech, das semi-automatische Operator-System der Milestone One, der ersten vollintegrierten, vollautomatisierten VR- gesteuerten VR-Fabrik der Welt. Ich bin eine Anwendung der neuesten KI-, Neuro- und Expertensystemtechniken und eines der leistungsfähigsten Systeme der Welt. Was kann ich für Sie tun?"
"Hier Operator 359, mach einen Hardware-Systemboot meiner Konsole, und zwar dalli, das dämliche Betriebssystem kommt mal wieder nicht hoch."
"Hardware-Systemboot initiert. Gemäß Urteil 4711 des Weltgerichtshofes im Prozeß der Millisoft Corporate gegen die Bevölkerung des Planeten Erde muß ich dem Personalsystem eine Nachricht über üble Nachrede Ihrerseits gegen ein Millisoft Produkt zustellen. Ich bin laut dem genannten Urteil verpflichtet, Ihnen mitzuteilen, daß Millisoft, eine einfache, kleine Firma der Softwarebranche, größten Wert auf die Innovität und Qualität Ihrer Produkte legt und sich verpflichtet fühlt, allen Erdenbürgern den Umgang mit Computern zu erleichtern."
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JA, DAS IST DIE ZUKUNFT
JA, DAS IST WAS WIR BRAUCHEN
JA, DAS IST WAS WIR WOLLEN
THAT ARE THE THINGS GOING ON !
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Während Deine Konsole zum zweitenmal bootet, beobachtest Du erneut das Gewimmel der Metropolis. Natürlich sind wieder alle Verkehrkanäle verstopft, die Transputer-Leitsysteme überlastet, und die Multi-IO-Portale packen den Datenstrom kaum noch. Nicht zum erstenmal überlegst Du Dir, ob es einen Zusammenhang zwischen dem 20-Hertz-Flackern der grellfarbenen Vorstadt- Objekt-Nutzungs-Indikatoren und Deiner dritten Sehlinsen-Korrektur gibt. Mehrere Operatoren, die mittlerweile entlassen sind, haben angeblich epileptische Anfälle während Ihrer Sessions bekommen.
Natürlich hast Du keine Chance, in diesem unübersichtlichen Dschungel irgendeine Funktion durchzuführen. Theoretisch könntest Du in irgendeinen Wolkenkratzer schweben, ein "Büro" belegen und die Verarbeitung dieser Subeinheit steuern. Theoretisch könntest Du eines der Objekte unter Fernsteuerung setzen, den Debugger aktivieren und das Objekt hacken. Theoretisch.
Praktisch kann diese Stadt nur unter dem Feedback-Generator mit den implantierten Biochips kontrolliert werden. Praktisch hat der Designer dieses User-Interfaces nicht gerade gedacht.
Als er den ganzen Cagal entwarf, hatte er wohl gerade ein paar schöne Bilder der Manhattan- Skyline an der Wand, denkst Du Dir. Daß eine virtuelle Welt, die einer Großstatdt nachgeahmt wird, natürlich genauso unübersichtlich ist, daß die Kanalisation der Datenwege auf Autobahn- Analoge zu den gleichen Kapazitätsproblemen führen wird, daß die Prozessoren wie die Wolkenkratzer zwangsläufig Probleme in den IO- Bereichen bekommen müssen.
Ein Hoch aufs Marketing, Hauptsache, es sieht gut aus und läßt sich verkaufen.
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Endlich ist die Konsole oben und der Arbeitsbereich öffnet sich. Ein gigantisches 100.000- Personen-Stadion poppt aus dem Nichts heraus um Dich herum auf. Jeder Platz eine Steuerkonsole. Jeder Platz eine separate Einheit der Fabrik. Jeder Platz der User-IO-Kanal einer autonomen, semi- intelligenten Einheit. Was völlig verblödet bedeutet, wie Du mittlerweile weißt. Zu schlau, um nicht einfach geradlinig die eigene Arbeit zu tun, zu blöde um halbwegs richtig auf Ausnahmen zu reagieren. Jede Konsole strahlt in einem schönen, augentötenden hellblau. Wenige Systemtakte später siehst Du nur noch hellgraue Zuckerwatte-Streifen um Dich herum. Resignierend wischst Du mit dem linken Arm die Anzeige der Interaktions- Flußdiagramme aus der VR-Welt. In der Demo mit ein paar Dutzend Interaktionslinien sah das echt toll aus, wie die Steuerkonsolen automatisch ihre Verbindungen auf- und abbauten. Die reale Fabrik dagegen hat im Durchschnitt ca. 10 Millionen Interkationen jederzeit, deshalb die graue Zuckerwatte.
Nachdem Du endlich wieder die Steuerkonsolen erkennen kannst, aktivierst Du Deine zusätzlichen implantierten Verarbeitungssysteme (ungefähr die Hälfte bootet auch hoch, die restlichen synchronisieren wieder einmal die Steuersignale auf den Nervenleitungen nicht), versuchst nicht an Grachmann zu denken, schaltest den Überwachungsmodus an, der bewirkt, daß das Stadion um dich herum rotiert, und versuchst zu erkennen, ob irgendeine der winzigen Konsolen auf roten Alarmodus umschaltet. Heute abend wird mir wieder schlecht sein, denkst Du Dir. Aber immerhin hast Du einen Job. Gehörst nicht zu den verachteten Milliarden, die freigesetzt wurden, zu dem nicht mehr benötigten Personalkostenanteil. Bist einer aus der Elite. Früher benötigte so eine Fabrik zwanzigtausend Menschen. Jetzt hat sie hunderttausend Maschinen und drei Menschen, die alles kontrollieren. Und Du bist einer davon.
Da leuchtet auch schon ein rotes Licht...
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"Gegen 23:59:59 Uhr traf der 200t-Schnelltransporter an der Laderampe ein. Durch eine ungewöhnliche Kombination von logischen Resonanzen in allen beteiligten Sicherheits- und Steuersystemen wurde eine Kette von Ereignissen und Aktionen ausgelöst, durch die der Transporter die Ladezone durchbrach und mit hoher Geschwindigkeit in den Werksbereich eindrang. Dabei kam es zu einer Überladung der Sensorik-Control- und Neuro- Netzwerke mit einer 10.000 Volt-Stromleitung. Die wenigen Hundertstel Sekunden, bevor die Daten-Leitungen verdampften, genügten, die Neuro- Chips der Operatoren zu beschädigen. Die darauf folgenden fehlgeleiteten Verarbeitungsimpulse führten zum totalen Kollaps der Gehirnfunktionen. Wir bedauern den Tod unserer Operatoren sehr. Die Milestone One wird ihre Lieferverpflichtungen trotz des immensen Schadens zuverlässig ausführen. Laut dem Gesetz "Über die Verantwortungsfähigkeit von Computerprogrammen auf Initiative der Millisoft Corporation", das Programmierer ausdrücklich entlastet, liegt die Unfallschuld eindeutig an den zu dieser Zeit ausführenden Computerprogrammen. Die entsprechenden Programme wurden entsprechend den im Gesetz vorgesehenen Maßnahmen bereits inaktiviert und von den Systemen gelöscht."
(Offizielle Stellungnahme der Milestone One-Gesellschaft)
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"Durch einen Automatikfehler aufgrund Einsparungen an optischen Sensoren war bereits um 23:06:48 Uhr Öl im Ladebereich aufgetreten. Das Öl konnte nicht entfernt werden, da die Operatoren der bis 24:00:00 Uhr- Schicht keinen Zugriff auf die Logistik-Systeme haben, den Transporterverkehr also nicht stoppen konnten, woraufhin mehrere der automatisch aktivierten Reinigungsroboter zerstört wurden. Daraufhin stellte das Reinigungssystem weitere Versuche entsprechend der vorgegebenen Ökonomie-Regeln ein. Das Reparatursystem wurde aus an sich guten Gründen nicht auf die Ökonomie-Grundklausel erweitert, und schickte deshalb nach und nach sämtliche im Sektorbereich befindliche RepRobs in die automatisierte Ladezone, wo sie von den im 1-Minuten Takt einfahrenden Schnelltransportern vernichtet wurden. Die einfahrenden Transporter fuhren alle durch das Öl, was zwar zu Schleuderbewegungen führte, die aber von den Automatiken kompensiert wurden. Aus diesem Grund deaktivierten die Logistik-Operatoren nicht den weiteren Warenantransport. Als der Katastrophen-Transporter ankam, geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Zuerst ging die Fabrik in die 1-Sekunden-Pause der 00:00:00-Umschaltung. Das führte auch zu einer Pause in der Kommunikation zwischen Fabrik und Transporter. Der Transporter schickte in dieser Zeit mehrere Netzwerkprüf- Pakete an die Fabrik und wartete deren Antwort ab. Da eine Sekunde Wartezeit die Parameter für eine Gefahrenannahme überschreiten, bootete der Transporter sein Katastrophenprogramm. Die entsprechende Meldung über den Start des Katastrophenprogrammes wurde dem Fahrer des Transporters um 00:00:01 in seinem VR- Display angezeigt. Wegen der schlechten Qualität der billigen Displays sind die Fahrer in der Regel bereits sehr früh ermüdet und in ihrer Reaktion eingeschränkt. Um ziemlich genau 00:00:02 leitete das Katastrophenprogramm daher von sich aus eine Notbremsung ein. In der Zwischenzeit hatte sich die Kommunikation zwischen Fabrik und Transporter wieder etabliert, weshalb der Transporter das Katastrophenprogramm um die gleiche Zeit wieder stoppte. Ausgerechnet jetzt geriet der Transporter im Ladebereich auf den Ölfleck. Während die Stabilisierung des Transporters noch dabei war, die Auswirkungen der Vollbremsung in Griff zu bekommen, kam der Transporter kurz vor 00:00:03 bereits ins Schleudern. Zeitgleich bestätigte der Fahrer die Meldung seines bereits wieder stoppenden Katastrophenprogramms. Dabei kam es zu einer Havarie des sich beendenden Programms mit dem Thread, der versuchte, die Verstanden- Meldung des Fahrers durchzubringen. Zusammen mit den gleichzeitig aktiv werdenden Threads des Stabilisierungsprogramms ging das System in einen unvollständig definierten Zustand über.
Anhand der protokollierten Tätigkeit der Nervensignale des Fahrers können wir als sicher annehmen, daß er in den letzten 3 zehntel Sekunden seines Lebens erkannte, daß der vollbeladene 200t-Transporter mit 400 km/h in die Fabrik rasen würde. Wir wissen nicht, ob ihm diese Zeit noch ausreichte, auch die Fehlermeldung des Systems zu erkennen:"
"Allgemeine Schutzverletzung!"
(Aus dem Unfallbericht von SichTech@Milestone-One)
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JA, DAS IST DIE ZUKUNFT
JA, DAS IST WAS WIR BRAUCHEN
JA, DAS IST WAS WIR WOLLEN
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