Personal- zu Gesamtkosten
Mindestens einmal in einem Geschäftsjahr fällt irgendwo die Aussage, daß der Anteil der Personalkosten an den Gesamtkosten zu hoch sei. In der Regel verbindet sich diese Aussage mit einer nachfolgenden kurzen Rechnung, wieviel man einsparen könnte, würde der Anteil um x- Prozent gedrückt.
Nachfolgend soll diese Sichweise etwas näher beleuchtet werden.
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Der Aussagewert des Personalkostenanteils
Der Personalkostenanteil (im weiteren PKA) bestimmt sich aus dem Anteil aller Personalkosten an den gesamten Kosten des Unternehmens. Aus dieser einfachen Tatsache lassen sich ein paar einfache Folgerungen ableiten:
graphic Im PKA fließen sehr unterschiedliche Gehalts- und Kostenstrukturen zusammen. Da die Konsequenz eines sinkenden PKAs in der Regel auf die niedrigverdienenden Lohn- und Gehaltstrukturen niederfällt (in der Regel mit mehr oder weniger sozialverträglichen Entlassungen), sollte der PKA auch nach den unterschiedlichen Strukturen aufgeschlüsselt werden. Also der PKA für das obere Management, der PKA für das mittlere Management, der PKA für die Arbeiter und Angestellten.
Bei dieser Aufschlüsselung ist zu beachten, daß höhere Managementebenen höhere Gehälter nicht nur wegen des schöneren Titels bekommen, sondern auch weil höhere rechtliche Risiken übernommen werden. Es wird sich also alleine dadurch eine proportionale Verzerrung ergeben, die aber nicht zu "Futterneid" führen darf, weil eben auch andere Tätigkeiten und Verantwortungen dahinterstecken. Dagegen muß aber eine Diskussion über Höhe und Veränderungen des PKAszwingend diese Unterteilung unterscheiden, da ansonsten Äpfel mit Birnen verrechnet werden.
Ein Beispiel: Beträgt der Gesamt-PKA 40% und soll um 5% im Werksbereich - also bei den Arbeitern - verringert werden, dann sieht das ganz anders aus, wenn die Einzel-PKAs 3%, 13% und 24% betrage. In diesem Fall ist nämlich zu hinterfragen, wo der überproportionale Anteil der ersten beiden PKAs herkommt - für jede Mark, die in die Arbeiter investiert wird, werden 0,66 DM in die Verwaltung gesteckt. Wenn ein Unternehmen also angibt, sein PKA sei zu hoch, so ist das in Wirklichkeit eine Nicht-Aussage, die nichts darüber aussagt, wo der PKA zu hoch ist.
graphic Daraus ergibt sich bereits der nächste Aspekt. Was sagt ein niedriger PKA eigentlich aus? Ganz einfach: je niedriger der PKA, desto weniger Geld fließt an die Quelle, die die eigentliche Arbeit macht. Ob das positiv oder negativ ist, läßt sich daraus aber nicht ersehen. Es kann positiv sein, wenn zu wenig Arbeit da ist. Es kann negativ sein, wenn dadurch die Arbeit nicht mehr richtig bewältigt wird.
Sie sehen, die Höhe des PKA ist eigentlich weniger eine Frage der Kosten, sondern eine der Arbeitsbewältigung. Also ist die simple Aussage "Ein niedriger PKa ist per se gut" einfach nicht richtig. Das ist einfach eine unreflektierte, nicht überdachte  Ansicht. Es kommt darauf an. Es kann sogar Sinn machen, den PKA zu erhöhen. Falls Sie uns nicht glauben - treiben wir die Aussage an die Grenzen: Entlassen Sie Ihr vollständiges Personal. Der PKA ist jetzt gleich null und Sie sparen sehr viel Geld ein. Wie lange hält Ihr Betrieb diese Einsparung durch?
graphic Beobachtet man Aussagen über den PKA genauer, dann fällt auf, daß diese Zahl sehr seltsame mathematische Eigenschaften besitzt. Zum Beispiel kann diese Zahl konstant bleiben und doch über Nacht zu hoch werden. In der Regel in der Nacht der Erstellung der Jahresbilanz. Wer das nicht glaubt, braucht sich nur die Schlagzeilen mit den  Massenentlassungen größerer Konzerne ins Gedächtnis rufen. Innerhalb weniger Jahre stellten alle gemeinsam fest, daß ihre PKAs zu groß waren.
Natürlich gab es Gründe dafür - veränderte Marktsituation, Krisen, verstärkte Konkurrenz.
Die zentrale Frage dazu ist aber: diese Unternehmen beschäftigen in der Regel mehr oder weniger große Stäbe mit der Aufgabe, solche Entwicklungen vorauszusehen. Zumindest kann man wohl hoffen, daß es solche Stäbe gibt, da sich sonst eine sehr ernsthafte Frage nach der Kompetenz der dann ja nicht machbaren strategischen Führung stellt.
Aber der PKA wurde nicht vorbeugend auf die erwarteten veränderten Bedingungen angepaßt. Es wurde plötzlich festgestellt, daß er um tausende von Mitarbeitern zu hoch sei. Der Wert des PKA ist also nicht objektiv gut oder schlecht, sondern kann aufgrund ganz anderer Kriterien sehr schnell anders bewertet werden. Daraus folgt, daß, wenn jemand über einen aktuellen PKA klagt, diese Klage eigentlich nicht unmittelbar aus dem PKA hervorgeht. Es bedeutet in erster Linie, daß jemand jahrelang die Zeichen der Zeit nicht gesehen hat.
graphic Eine Verminderung des PKA geht oft (aber nicht immer) mit erhöhten Maßnahmen zur Rationalisierung einher. Das bedeutet, daß nicht das Arbeitsvolumen sich verringert hat, sondern die Kosten bei gleichem oder erhöhtem Ausstoß vermindert werden sollen. Da Rationalisierung aber zwangsläufig Einschneidungen in der Flexibilität mit sich bringt - die neuen Anlagen sollten über den Abschreibungszeitraum genutzt werden, aufwendige Maschinen ersetzen oft qualifizierte Mitarbeiter durch billigere Hilfskräfte - bindet sich das Unternehmen damit auch stärker an seine bisherigen Produkte und Märkte. Es verteidigt damit seine Position in einem Markt, anstatt eine Ausweichbewegung in innovative Produkte auszuführen (für das es in der Regel noch keine ausgearbeiteten, großserienmäßig anwendbaren Rationalisierungsmaßnahmen gibt).
Das Unternehmen kann damit sehr erfolgreich sein, es kann aber auch die Gefahr bergen, daß das Unternehmen langfristig eine bestehende Spitzenposition verliert und so zukünftige Entwicklungen aufgezwungen bekommt, anstatt sie mitzuprägen.
Volkswirtschaftlich betrachtet kann ein national im Durchschnitt sinkender PKA also auf den beginnenden Verlust einer technologischen Führerschaft hinweisen
(Ist es nicht seltsam: seit 15 Jahren fertigen wir immer mehr, haben immer mehr Arbeitslose, und verlieren immer mehr unsere führende Rolle unter den Industrienationen?).
graphic Kennen Sie aus der Bilanz das Personalvermögen? Nein? Können Sie auch nicht, denn das gibt es nicht. Wenn Sie für teures Geld eine aufwendige Maschine kaufen, die in 10 Jahren buchhalterisch und in 5 technologisch abgeschrieben ist (Technologische Abschreibungen gibt es nicht - ein Grund dafür, warum Unternehmen zu spät feststellen, wenn sie plötzlich nicht mehr Technologieführer sind), dann geht das in die Bilanz für zehn Jahre als Vermögen ein.
Wenn Sie Mitarbeiter haben, die jahrelang in Ihrem Unternehmen gearbeitet haben, daher die Arbeitsabläufe und die Produkte kennen, die die Montagebewegungen intus haben, dann sind das aus dieser Sicht lediglich jahrelange, mehr oder weniger konstante Kosten. Wenn Sie Maßnahmen zur Weiterbildung durchführen, dann sind das lediglich Kosten. Wenn Sie einen Arbeitsplatz mit besserem Licht ausstatten, dann sind das erst einmal Kosten.
Der gesamte PKA wird lediglich als ein Kostenblock verstanden. Und natürlich wäre es Ihnen lieber, wenn der nicht da wäre. Die Kosten sind aber in Wirklichkeit auch Investitionen. Jedesmal sollte eigentlich Ihr Personalvermögen entsprechend mitsteigen. Und natürlich müßte das Personalvermögen Abschreibungen kennen, denn Kenntnisse veralten. Und natürlich müßten sich die Mitarbeiter kontinuierlich am Wert ihres persönlichen Personalvermögens messen lassen - wer eine Weiterbildungsmaßnahme erhält, erfährt eine Erhöhung seines Personalvermögens, die dem Unternehmen irgendwo zur Verfügung stehen muß.
Dem PKA als Kostenblock steht somit ein immaterieller Vermögenswert entgegen, zu dessen Aufrechterhaltung laufende Aufwendungen notwendig und sinnvoll sind (Sie lassen Ihren Maschinenpark ja auch warten und modernisieren). Ob die jeweilige Höhe eines PKA sinnvoll ist, wird damit natürlich nicht beantwortet. Das ist genauso wie bei Investitionen in den Maschinenpark. Alle Maschinen verchromen zu lassen, muß nicht unbedingt eine sinnvolle, ertragsbringende oder vermögenserhaltende Maßnahme sein. Aber zu niedrige Aufwendungen zum Anlagenvermögen sind ebenfalls strategisch unklug. Analog dazu kann der PKA in dieser Sichtweise als aktiver Beitrag zum Unternehmen und nicht nur als Belastung verstanden werden.