Mythos: Im Ausland sind die Personalkosten niedriger
In der Regel gilt dies als Begründung dafür, daß Unternehmen geradezu zwangsläufig in Billiglohn- Länder ausweichen müssen - die Kosten sind einfach soviel unglaublich niedriger.
Nun kann ich sicher in Portugal oder in Tschechien einen Arbeiter für eine Mark fünfzig die Stunde bekommen - frisch vom Acker oder gar ein angelernter Fabrikarbeiter, der mit dem Schraubenzieher so halt' seine Fließbandarbeiten machen kann.
Zum Nähen von Hemden reicht's vielleicht auch noch - nein, soweit ich weiß, nicht, 30% bis 50% der Produktion einer mir bekannten Firma kam als Ausschuß zurück, aber bei den Kosten interessierte das nicht mehr. Ärgerlich war aber, daß die Kunden nach der Ware fragten, und es war doch nicht genügend da...
Wie sieht's erst aus, wenn auch etwas technisch Anspruchsvolleres gefertigt werden muß? Dann brauchen Sie irgendwann Facharbeiter, und ein Facharbeiter in einem Land, in dem es wenige gibt, kostet dann auch mehr. Vielleicht nicht so viel wie in Deutschland, aber auch nicht mehr so wenig wie die immer wieder genannten Billigstlöhne.
Außerdem gilt noch die Regel vom Preis mal der Anzahl. Anders ausgedrückt: Wieviele der billigeren Arbeitskräfte benötigen Sie für die gleiche Arbeit? In Deutschland sind wir seit zwanzig Jahren dabei, unserer Fertigungen zu rationalisieren und automatisieren. Unter großen Anstrengungen haben wir unsere Unternehmen auf den Minimalbestand der notwendigen Arbeiter und Angestellten ausgedünnt (Und unsere Regierung wundert sich, wo die vielen "faulen" Arbeitslosen herkommen). Dazu gehörte auch ein Lernprozeß der Übriggebliebenen. Dieser ist in den Billiglohnländern noch nicht erfolgt. Kurz: Ich glaube einfach nicht, daß man die gleiche Arbeit in den Niedriglohnländern auf Dauer mit der gleichen Anzahl Mitarbeiter machen kann. Und wenn Sie es belegen können, dann präsentieren Sie mir bitte auch die Zahlen von zwei Jahren nach der ersten Erhebung!
Nun wird immer wieder gerne der Umkehrschluß propagiert: man beschäftigt mehr Arbeitnehmer, weil sie ja billiger sind. Dazu kann ich nur auf unseren Artikel "Müssen wir zurückstecken? Dürfen wir zurückstecken?" verweisen. Dieser begründet, warum ein Unternehmen nur die Anzahl der Mitarbeiter beschäftigt, die es für die Abwicklung der Arbeit auch benötigt, und nicht mehr (wozu denn?), egal was die Mitarbeiter kosten.
Persönlich kann ich nur auf die Handelsketten verweisen: Ob auf Teneriffa, in Italien, in Südamerika, in Neuseeland, in Australien, in den USA: in den Supermärkten arbeiten nicht wie bei uns gerade zwei Mitarbeiter für Kasse, Lager, permanente Inventur, Überwachung der Kunden, Einräumen der Regale, Wegräumen heruntergefallener Flaschen und was weiß ich noch. Sondern in einen Laden von der typischen Größe eines Aldi-Marktes sind gleich sechs bis acht Beschäftigte zu finden. Da mag der einzelne ja ein Viertel des Lohnes beziehen, aber in der Summe ändert sich doch nicht viel? Ach, und die Preise sind auch noch niedriger wie bei uns...
Ich kenne noch ein Beispiel: Staßenbauarbeiten in Neuseeland und den USA: Da steht nicht eine Ampel auf der einen Seite, und eine weitere auf der anderen Seite, sondern zwei Mann mit Flaggen. Und so billig sie sein mögen: billiger als zwei Ampeln (gerechnet auf deren Einsatzdauer) können sie gar nicht sein.
Ein Studienkollege meinerseits war dieses Jahr im Auftrag seiner Firma mehrere Wochen in den USA (Gegend Chikago). Zitat: "Was bei uns einer macht, dazu brauchen sie dort drei. Und jeder macht ganz genau nur die Tätigkeit, in die er eingewiesen ist, und sonst nichts."
Die Prokuristin eines Unternehmens, mit dem ich geschäftlich zu tun hatte, erzählte mir von ihrem Besuch bei der Konzernmutter in England: "Jeder bearbeitet [in der Fibu] genau einen kleinen Ausschnitt aus dem Debitoren- oder Kreditorensatz. Jeder hat genau seine drei oder vier Felder, die er ausfüllen kann, danach gibt er den Vorgang an einen Kollegen ab. Die schieben dauernd Papier herum. Kein Wunder haben die keine Arbeitslose. Die setzen vier für eine Tätigkeit ein, die bei uns einer macht."
Ach, noch ein Detail am Rande: Ein Teil der Personalkosten ergibt sich ja aus den ach so teuren Arbeitsplatzkosten. Sie glauben ja wohl nicht, daß die Grundstückspreise und Büroausstattungskosten in Los Angelos oder San Diego oder New York niedriger sind als in Frankfurt?