Mythos: Im Ausland sind alle fleißiger
Nun, offensichtlich haben Sie noch nie in einer Werkshalle bei 45 Grad im Schatten gearbeitet. Nein, nicht einen Tag im Sommer (solche Tage soll es bei uns ab und zu auch noch geben), sondern volle zwei Monate lang TAG FÜR TAG. Was, das können Sie sich nicht vorstellen, sowas durchzuhalten?
Nun, anscheinend gibts viele, die denken, den Italienern, Griechen, Türken, Portugiesen, Mexikanern, usw. täte das gar nichts ausmachen. Wahrscheinlich sitzen die meisten dieser Denker in klimatisierten Büros und stöhnen bei Hitze über die unzumutbaren Arbeitsbedingungen, bevor sie in ihr klimatisiertes Auto steigen.
Ich jedenfalls glaube es nicht (ich habe aber auch weder klimatisiertes Büro noch ein klimatisiertes Auto).
Dann darf man auch nicht vergessen: welche Menge von Arbeit wird denn während der Arbeitszeit erledigt? Oder anders herum gesagt: haben denn die Billiglohnländer die gleiche Produktivität?
Das ist auch eine Mentalitätsfrage. In Billiglohnländern sind die Arbeitnehmer sicher höllisch froh über ihren Job und strengen sich auch entsprechend an, aber sich anstrengen alleine bewirkt nicht alles. Dazu gehören auch über längere Zeit ausgeübte Arbeitsorganisation und ein Arbeitsschema, das sich erst in Jahrzehnten herausbilden kann.
Ich meine zum Beispiel, daß wir heute in Deutschland in 35 Stunden Arbeitszeit (im Durchschnitt ;- ) mindestens genausoviel Arbeit schaffen wie vor fünfzehn Jahren in 40 Stunden.
Aber ich will ja nicht nur meinen: als ich meinen Cousin, der Fernfahrer ist, einmal nach Italien begleitete, mußte ich feststellen, daß ein Lager zwar bis 18:00 Uhr geöffnet sein kann, aber ab 17:00 Uhr nichts mehr annimmt. Logisch, denn die Arbeiter haben den Tag beim Kartenspielen ausklingen lassen.
Es gibt bei diesem Mythos aber noch einen anderen Aspekt: In den Billiglohnländern ist oft auch der Kündigungsschutz nur minimal ausgeprägt. Last hired, first fired nennt man das und mancher Denker wünscht sich das. Aber da das Leben und genauso auch der Erfolg des Unternehmens immer unsicher ist und deshalb immer schwankt, wissen die zuletzt eingestellten, daß sie irgendwann in der Zukunft sowieso entlassen werden. Verständliche Folge: mach dich' nicht ganz so verrückt beim 'reinklotzen... (Und wenn Sie meinen, die zuletzt eingestellten würden erst recht wie verrückt 'reinklotzen, damit sie ja vielleicht doch behalten werden: damit unterstellen Sie bereits unsere deutsche Mentalität und das nennt man eine Projektion).
Dazu noch folgendes Zitat (vollständiger Artikel) aus dem Mitteilungsblatt "Wirtschaft Neckar-Alb" Ausgabe 10/97, Seite 31 der IHK Reutlingen:
Deutsche Arbeitskräfte sind nach Ansicht ihrer europäischen Nachbarn am leistungsfähigsten. Auch in bezug auf Arbeitsbedingungen, Arbeitnehmerschutz, Ausbildungsstand und Loyalität stehen sie an erster Stelle. Das ist das Ergebnis der jüngsten Studie "Euroworker" des European Enterprise Centre der britischen Kapitalbeteiligungsgesellschaft 3i Group plc., London. Insgesamt 490 mittelständische Unternehmen aus Großbritannien (188 Befragte), Spanien (110), Italien (78), Deutschland (66) und Frankreich (49) wurden befragt. Die britischen Unternehmen stehen in der Bewertungsskala hinter Deutschland. Italien und Spanien bilden nach Frankreich das Schlußlicht. In puncto Humor , Engagement und Kreativität schneiden die Italiener am besten ab. Deutschland wird von allen Befragten auch den deutschen - diesbezüglich als schwächstes Land eingestuft.
Warum meinen eigentlich nur wir Deutschen, wir seien nicht fleißig?