Mythos: Im Ausland gibt es keine Gewerkschaften
Radiomeldung am 30.07.98 abends: "Heute wurde der zweimonatige Streik bei Chrysler beendet".
Nein, kein Scherz. Die sagten tatsächlich zwei Monate. Ich habe auch zuerst gedacht, ich hätte mich verhört. Es war anscheinend auch nicht der ganze Chrysler-Konzern, der streikte, sondern nur zwei konzerneigene Zulieferer. Aber haben Sie bei uns etwas davon gehört? In den USA gibt es doch angeblich keine Gewerkschaften?
Nun hören wir zwar immer wieder etwas über die Streiks in unseren Nachbarländern - Frankreich vor der WM, da streikten einige noch aus Solidarität mit, im italienischen Neu-Musterländle wird auch noch ab und zu gestreikt, in Griechenland wird bei Rentenreformen gestreikt, aber sobald die Länder nicht ganz so im Blickfeld der Medien liegen, dann hört man nichts mehr von Streiks und gewerkschaftlichem Ringen.
Hört man nichts davon, oder gibt es keine? Was meinen Sie?
In den USA gibt es für Transportarbeiter eine Regelung über die Gewichte, die manuell gehoben werden dürfen. Ab 20 Kilogramm ist Schluß. Wie mein Studienkollege über den Chikagoer Zweig seines Unternehmens erzählte: "Da packen dann auch nicht zwei an und laden das Paket schnell auf, sondern man wartet auf den Stapler."
Von solchen Detailregelungen erfahren unsere großen Tiere bei ihren Blitzbesuchen nichts. Wie auch, die meisten haben ihr Leben lang noch nie in ihrem Werk gearbeitet, wie sollten sie auf so etwas achten können?
In Portugal gab es in den siebziger Jahren die Nelkenrevolution. Die Bevölkerung des Landes hat sich damit mehr oder weniger friedlich gegen das damalige Militärregime durchgesetzt und eine Demokratie begründet. Aber Gewerkschaften zu bilden, dazu sollen die Portugiesen nicht in der Lage sein?
Natürlich gibt es auch Länder, da gibt es wirklich so gut wie keine Gewerkschaften. Auch so gut wie keinen arbeitsrechtlichen Schutz. Dafür in der Regel aber auch nur wacklige politische Rahmenbedingungen,