Mythos Existenzgründungsdarlehen
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(Autor: Ute - 14.9.98)
Mythos Existenzgründungsdarlehen
Unser Versuch, selbständige Unternehmer zu werden, ist gescheitert: aus finanziellen Gründen, genauer gesagt aus Geldmangel - als unsere vorgesehenen Reserven aufgebraucht waren, mußten wir aufgeben. Ich bin ganz sicher, daß es vielen tausenden kleinen Unternehmern auch geht. Da wird uns oft die Frage gstellt, warum wir kein Existenzgründungsdarlehen in Anspruch genommen haben? Die Zeitungen bringen in letzter Zeit häufig anklagende Berichte, daß die zur Verfügung gestellten Existenzgründungsdarlehen einfach nicht von denen, die sie nützen könnten, ausgeschöpft werden? Woran liegt das denn wohl? Haben all die, die eine Firma neu gründen, so viel Eigenkapital, daß sie es nicht mehr nötig haben?
Oder ergeht es den meisten ganz einfach so wie uns? Wir rannten von Pontius zu Pilatus, von einer Bank zur anderen, um einfach nur abschlägige Bescheide zu bekommen ... dabei hatten wir sowohl direkt von der LAKRA (Landeskreditanstalt) eine Bestätigung (wir sprachen auf einer Informationsveranstaltung für Existenzgründer mit einer LAKRA-Angestellten darüber ...) erhalten, daß sie uns für förderungswürdig hielte, ABER LEIDER ihre Kredite nur über die Hausbank vergeben kann/darf, als auch speziell die Banken angesprochen, bei denen ich als gelernte Bankkauffrau schon meine Arbeitskraft zur Verfügung gestellt hatte, damit zumindest eine Vertrauensbasis da war (oder ob das wohl mein Fehler war ...?).
Unser langer Leidensweg begann bei der Bank an unserer Seite, bei der ich doch so emsig während meines Studiums gejobbt hatte. Einen Termin haben wir wie immer noch prompt bekommen, das Gespräch beim Firmenkundenbetreuer, der mich sogar noch persönlich kannte, verlief recht kurz und schmerzlos: aha, ein Existenzgründungsdarlehen wollen wir also, in welcher Höhe denn? Oh, es dreht sich nur um einen Betrag in Höhe von DM 30.000 - na ja, da will er mal ehrlich zu uns sein, für diesen Betrag nimmt er nicht einmal den Kugelschreiber in die Hand, um all die vielen Formulare, die dafür notwendig sind, auszufüllen. Kurz und gut, dieses Geschäft lohnt sich nicht für diese Bank, da legt sie drauf, so etwas wird deshalb nicht gemacht - zwei Dinge muß ich dem Mann zugutehalten: er war sehr ehrlich und er kannte sich in der Materie Existenzgründungsdarlehen aus.
Der nächste Schritt führte uns zur Bank unseres Vertrauens - hier malte ich mir die höchsten Chancen aus: hatte ich hier doch nicht nur meine Ausbildung absolviert, sondern auch noch über ein Jahr in der Hauptfiliale gearbeitet und last but not least, ein seit nunmehr 15 Jahren ordentlich geführtes Konto, für das ich massenhaft Gebühren berappte - konnte man einer so guten Kundin einen Kreditwunsch über DM 30.000 abschlagen? Man konnte, und das noch auf besonders deprimierende Art: wir kamen nicht einmal mit einem Firmenkundenbetreuer, sondern nur mit einem unsicheren Herrn der Privatkundenabteilung zusammen - ich kannte ihn noch aus meiner Lehrzeit, er mich nicht mehr, soviel zu seinem Personengedächtnis. Ich drückte es ihm natürlich aufs Auge, wie verbunden ich mit der Bank war, was völlig sinnlos war. Als er den Kreditbetrag hörte, erbleichte er zusehends (komisch, hätten wir besser 2 Millionen in Peanuts fordern sollen?), und fragte nach Sicherheiten. Sicherheiten?!?!?!? Ja, irgendwelche Ersparnisse als Gegenwert - mich traf fast der Schlag: wenn wir die DM 30.000 als Ersparnisse hätten, würden wir wohl kaum einen Kredit in der Höhe wünschen, oder? Na, gut, ich hatte noch einen fast voll gesparten VWL und einen Fond, kamen wir doch auf ein Guthaben in Höhe von DM 15.000, was unseren Freund etwas beruhigte - ok, wir könnten den Kredit haben, wenn ich mein Guthaben der Bank verpfänden würde und zusätzlich für DM 30.000 bürgen würde - allerdings nicht zu Firmen-, sondern zu Privatkundenkonditionen. Mit Existenzgründungsdarlehen kenne er sich nicht aus, er sei ja Privatkundenbetreuer und die Firmenkundenbetreuer steigen erst ab DM 100.000 ein ... Ob dieses Geschäftsgebarens verzichteten wir auf das großzügige Angebot und verschwanden aus den ungastlichen Räumen.
So schnell gab ich natürlich nicht auf: hatte ich nicht nach dem Studium bei einer großen Regionalbank fleißig geschuftet? Also besuchten wir auch deren Zweigstelle in der Provinz und baten den Firmenkundenbetreuer - ja, hier war es wirklich einer, trotz der DM 30.000-Peanuts - um das Darlehen. Oh je, oh je, war dieser mißtrauisch: was, eine EDV-Beratung wollen wir gründen? Oh Gott, da sind doch gerade erst zwei in dieser Stadt pleite gegangen, nein, nein, so etwas hat keine Zukunft, so etwas wird nicht mehr von der Bank unterstützt. Tja, und mit Existenzgründungsdarlehen kenne er sich leider nicht aus, so etwas habe er noch nie gemacht. Ach, einen normalen Firmenkundenkredit? Nein, nein, das Risiko ist zu groß! Hier brach die nackte Wut aus mir heraus: ich fragte ihn, warum dann ein Arbeiter mit 3 Kindern und einer nicht berufstätigen Frau einen Möbelkredit über DM 30.000 ohne Probleme bekomme - tja, das liegt daran, daß er ja einen Job hat! Ich sagte ihm, ich hätte ja auch WEITERHIN meinen Job und würde bürgen, aber dieses Argument zählte für ihn nicht, schließlich wäre das Risiko durch das EDV- Geschäft viel zu hoch, und MEIN Mann hätte ja als Selbständiger KEIN geregeltes Einkommen und man hätte keinen Gegenwert für den Kredit! Da meinte ich, der Arbeiter könnte aber im Moment auch ganz schnell arbeitslos werden (wie mein Mann, dessen Arbeitgeber auch prompt zwei Wochen nach dessen Kündigung Konkurs ging ...) und die Möbel hätten wohl auch ziemlich schnell keinen Gegenwert mehr, aber es war nichts zu machen - beim Wort EDV-Firma gingen bei dem guten Mann die Rollos runter und waren festgeklemmt. Unverrichteter Dinge schlichen wir nach Hause ...
Beim Grünen Band der Sympathie, anderen Regionalbanken und den Genossen räumte ich uns von vornherein nach diesen Gesprächen noch schlechtere Chancen ein - vor allem weil wir bei den Genossen auch noch mit einer Baufinanzierung verschuldet waren, wir wollten ja dort keinen Herzinfarkt riskieren ... So blieb uns noch das städtische Institut, bei dem mein Mann Kunde war. Ohne viel Hoffnung schlichen wir uns hinein und erfragten schüchtern - bei einem Filialleiter - das gewünschte Darlehen ... Vor einem Existenzgründungsdarlehen schreckte auch dieser zurück - ob aus Unkenntnis oder aus Gründen der Lukrativität - aber er erklärte sich bereit, meinen Mann einen Überziehungskredit zu Firmenkundenkonditionen in Höhe von DM 15.000 (ja, wir backten irgendwann mal kleinere Brötchen) einzuräumen, wenn dieser durch eine Bürgschaft abgesichert würde ... Da dies das beste Angebot überhaupt war, nahmen wir es an ...
Fazit: an ein Existenzgründungsdarlehen heranzukommen, ist aus vielen Gründen unmöglich: entweder kennen die Bankmitarbeiter das Verfahren, um es zu beantragen, überhaupt nicht (mangelnde Information???) oder es ist ein unrentables Geschäft für die Bank. Dazu kommt, daß die Risikobereitschaft der Banken bei Kleinunternehmen so minimal ist, daß eigentlich nur noch Personen mit viel Eigenkapital sich selbständig machen können ... Mir ist auch aufgefallen, daß diese mangelnde Risikobereitschaft sich darin äußert, daß der einzelne Bankmitarbeiter so sehr unter Druck gesetzt wird, daß er von vornherein alles abblockt, was nur ein minimales Risiko beinhalten könnte. Diese Haltung der Banken ist mir einerseits völlig unverständlich: worin liegt das Risiko, einem Jungunternehmer ein Darlehen in Höhe von DM 30.000 zu leihen, der jederzeit in einen gefragten Beruf zurückkehren und dieses Darlehen wohl völlig problemlos zurückzahlen kann? Ich denke, sowohl diese Haltung der Banken, als auch die Blindheit der staatlichen Stellen, die nur über Banken ihre Existenzgründungsdarlehen auszahlen, führen immer mehr dazu, daß Jungunternehmer immer weniger Chancen haben ... Ich wünschte mir nur, die Zeitungen würden aufhören, sich über die nicht in Anspruch genommenen Existenzgründungsdarlehen zu wundern ...
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Anmerkung Olli:
Ein Jahr später brachte die IHK-Zeitung eine kurze Mitteilung der Deutschen Ausgleichsbank, daß noch genügend Fördermittel zur Verfügung stünden, die nicht in Anspruch genommen würden. Auf einen kurzen Anruf dort mit der Anfrage, wie man denn an diese Gelder herankäme, kam die fröhliche Antwort "Natürlich über die Hausbank" ...