Müssen wir zurückstecken
Oder:
Dürfen wir überhaupt zurückstecken?
Uns geht's zu gut; Wir müssen den Gürtel enger schnallen; Wir leben über unsere Verhältnisse; Wir wollen zuviel.
Solche und ähnliche Kommentare hören wir heutzutage allerorten. Stammen diese Behauptungen von den Unternehmern, dann sind die Motive wenigstens noch klar. Das gewisse Wirtschaftszeitschriften in das gleiche Horn stoßen, zeugt zwar nicht gerade von Kompetenz, aber doch immerhin von einer gewissen Orientierung auf die Zielgruppe. Das unsere Politiker, denen eigentlich die Volkswirtschaft als Gesamtheit am Herzen liegen sollte, nichts besser zu tun haben, als diese geistlosen Kommentare zu wiederholen, beweist lediglich, daß ein Studium der Politik nicht unbedingt Kompetenzen in der Handhabung komplexer Systeme mit sich bringt.
Wohlgemerkt, daß die Kosten für die Arbeit für ein Unternehmen ein wichtiger Faktor sind, soll hier nicht bestritten werden, wenngleich die Personalkosten nicht nur eine Belastung, sondern auch eine Chance sein können (siehe "Mythos Personalkosten?"). Es soll hier überhaupt nicht bestritten werden, daß für ein kränkelndes Unternehmen die Kosten für die Arbeit ein unmittelbarer Überlebensfaktor sind und deshalb dann auch Flexibilität von seiten der Arbbeitnehmerschaft erfordern.
Aber die Optimierung des einzelnen erbringt nicht automatisch eine Optimierung des Ganzen, oft sogar das Gegenteil. Mit der Umsetzung der obigen Behauptungen würden wir unsere Wirtschaft vollends ruinieren. Betrachten wir darum die einzelnen Kernaussagen, denen wir heute allerortens begegnen, und was wirklich dahintersteckt.
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Gängige Behauptungen
graphic Unsere Arbeit ist zu teuer. Deshalb verlieren die Unternehmen Marktanteile (und gehen Konkurs)
Unsere Arbeit ist seit den 60er Jahren teurer wie im Ausland. Das ist absolut nichts Neues! Nur hatten wir immer Produkte, die andere bei uns kauften, weil es sie nur bei uns so gab, wie sie benötigt wurden. Wenn wir Marktanteile verlieren, dann doch hauptsächlich deshalb, weil unsere ehemaligen "Renner" halt' mittlerweile keine mehr sind. Wir haben immer mehr rationalisiert und dabei unsere Vorwärtsbewegung verloren (Siehe dazu den Artikel "Kundenorientierung und Automation"). Industrien verändern sich ununterbrochen, Branchen sterben aus, neue Innovationen bringen neue Produkte und lösen alte ab. Das ist normal. In den 60ern und 70ern lebten andere Länder davon, die Produkte billiger zu produzieren, auf die wir uns nicht mehr konzentrierten. In den 80ern haben wir aufgehört, uns nach vorne zu bewegen und wurden eingeholt.
Kurz: Marktanteile haben wir auch früher nicht erobert, weil wir billiger waren, sondern weil wir das verkauften, was man nur bei uns erhielt.
graphic Wäre die Arbeit billiger, dann würde mehr Personal eingestellt werden, und wir hätten weniger Arbeitslose.
Das ist selten blöde. Man muß sich ernsthaft fragen, ob jemand, der so was verzapft, eigentlich nur ausprobieren möchte, ob das wirklich niemanden auffällt. Denn: Wird die Arbeit billiger, dann wird zuerst nur die Gewinnspanne ein bißchen größer. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Man senkt den Preis der Produkte, oder läßt ihn gleich, um den Gewinn mitzunehmen.
Der einfachere Fall zuerst: Der Preis bleibt gleich. Warum sollte das Unternehmen jemanden einstellen, und sich seinen Gewinn wieder kaputtmachen, wenn doch der bisherige Personalbestand für die anfallende Arbeit genügt?
Der kompliziertere Fall: Der Preis sinkt.
Entweder steigt jetzt der Marktanteil durch Mehrverkäufe oder er bleibt gleich, ist aber besser gesichert. Im letzteren Fall bräuchte das Unternehmen keine zusätzlichen Arbeiter. Im ersteren Fall ergeben sich wieder zwei Möglichkeiten: Die Mehrarbeit kann mit Überstunden und ähnlichem aufgefangen werden - also wird wieder kein zusätzliches Personal benötigt, oder eine Produktionsausweitung wird notwendig. Wenn das der Fall ist, könnte entweder mehr Personal eingestellt werden, oder die Produktivität wird durch Rationalisierungsmaßnahmen oder ähnliches erhöht.
Kurz: Wenn die Arbeit billiger wird, dann wird dadurch nur in relativ wenigen Fällen eine Einstellung erfolgen. Denn es besteht wie gezeigt nur eine schwache Korrelation zwischen den Kosten der Arbeit und dem Bedarf, jemanden einzustellen. Es besteht dagegen eine deutlich stärkere Korrelation zwischen einer Absatzsteigerung und Mehrbedarf an Personal. Diesen Zusammenhang werden wir noch weiter unten benötigen!
graphic Wir wollen nicht mehr arbeiten, wir denken nur noch an Urlaub und Freizeit.
Ja, was soll denn das? Natürlich hätte ich lieber Urlaub als Arbeit. Jeder geistig Normale will das. Der ganzen Welt wäre das lieber. Und zwar schon immer. Keine wahrlich neue Erkenntnis, kann man da nur sagen.
Hier wird die Motivation bei der Arbeit mit dem Wunsch zu arbeiten verwechselt. Nur wenige spüren den intensiven Drang zu arbeiten in sich (und die würde ich nicht beschäftigen wollen). Allerdings hat die überwiegende Mehrheit den Wunsch, "etwas" zu tun. Vielleicht sollten die Unternehmen ihre eigenen Aussagen zur Mitarbeitermotivation selbst einmal ernst nehmen und sich damit Möglichkeiten eröffnen, diesen Wunsch stärker für sich zu nutzen? Ich bin sicher, manches Unternehmen würde hier noch große Reserven entdecken. Kleine Unternehmen profitieren stark davon, daß ihre Mitarbeiter sich für ihre Arbeit engagieren, aber nicht, weil die Mitarbeiter arbeiten wollen, sondern weil sie was tun, was ihren Wunsch nach sinnvoller Beschäftigung befriedigt.
Auf jeden Fall motiviert es niemanden, wenn er jedes Jahr aufs Neue anhören darf, daß eigentlich 5000 Mitarbeiter entlassen werden müßten. Ich würde mich nur noch fragen, wann mich der doch selbst gutbezahlte Boß (in der Regel heutzutage auch nur ein Angestellter, der sich wie der Unternehmensgründer benimmt) jetzt endgültig rauswirft.
Außerdem zeugt der Spruch nicht gerade von Weltkenntnis, eher von ziemlich großen Scheuklappen. Wieviele Wochen haben dieses Jahr die Franzosen wieder gestreikt, oder die Italiener? Wieviele Arbeitsstunden fallen in Portugal zwischen 12:00 Uhr und 16:00 Uhr aus, weil bei der Hitze keiner arbeiten kann? Sie glauben doch nicht ernsthaft, daß die Griechen nicht gerne einen kleinen Klatsch zwischendurch halten. Und der Ami weiß, daß er draußen ist, sobald was nicht mehr richtig läuft - wozu ein Bein rausreißen?
Ich war selbst mit einem Fernfahrer unterwegs in Norditalien (wo die Arbeitsmoral besser sein soll). Theoretisch haben die Firmen das Lager bis 18:00 Uhr offen, aber sie denken doch nicht, daß sie nach 17:00 Uhr noch ankommen dürfen...
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Oder lieber anders betrachtet?
Vielleicht überzeugt Sie das nicht. Vielleicht habe ich etwas übersehen und die obigen Punkte treffen doch zu. Na gut, sehen wir die Sache einmal anders.
Angenommen, wir meinen weiterhin, daß wir unsere momentanen wirtschaftlichen Probleme in Griff bekommen, indem wir uns verstärkt einschränken. Also, tun wir das doch...
graphic Alle Unternehmen leben davon, daß sie was verkaufen. Das Volumen der insgesamt verkauften Produkte ist davon abhängig, wieviel Geld die Bürger ausgeben. Wieviel sie ausgeben, ist mehr oder weniger davon abhängig, wieviel Geld sie haben.
graphic Die verfügbare Geldmenge ist die Differenz zwischen dem Brutto- Einkommen aller Bürger und dem, was nach Abzug aller Abgaben übrig bleibt.
graphic Angenommen, alle schränken sich ein und die Löhne und Gehälter werden um 10% reduziert. Gleichzeitig werden im selben Maße alle sozialen Leistungen des Staates im gleichen Verhältnis heruntergefahren, um die Abgaben- Ausfälle durch die geringeren Brutto-Beträge zu kompensieren.
graphic Die Unternehmen können jetzt etwas billiger produzieren, da die 10%- Einsparung aber nur in einem von mehreren Kostenblöcken zum Tragen kommen, während die verfügbare Geldmenge direkt um die vollen 10% gekürzt wird, werden die Produkte nicht im gleichen Verhältnis billiger wie die ausgebbare Geldmenge geringer.
graphic Die Unternehmen werden in Summe also weniger verkaufen können als bisher!
Beachten wir jetzt unsere Feststellung von vor einiger Zeit: Zwischen Arbeitskosten und Einstellungen gibt es nur eine schwache Korrelation, zwischen Absatzsteigerung und Einstellungen aber eine stärkere. Und was machen wir ausgerechnet: wir vermindern direkt den Absatz! Damit treiben wir letzten Endes die Unternehmen noch mehr als bisher in den Zwang zur Kosteneinsparung und somit zu Entlassungen und Rationalisierung.
Wir haben es mit einem typischen Beispiel dafür zu tun, daß die isolierte Optimierung eines Elements - die Kosten eines Unternehmens - auf der Systemebene - der Volkswirtschaft - gerade den gegenteiligen Effekt bewirkt.
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Um unsere aktuellen Probleme zu lösen, sind lineare Gedankengänge also nicht geeignet. Wir haben nicht einfach ein Kostenproblem, sondern unsere Situation ist viel komplexer:
Die verfügbare Geldmenge wird immer geringer, da die Abgabenlast immer höher wird. Um neue Märkte und damit verstärkten Absatz zu eröffnen, müßten wir verstärkt innovative Produkte erzeugen. Dazu fallen uns anscheinend nur noch neue Hochtechnologien mit gigantischem Investitionsbedarf ein, grundsätzlich kein probates Mittel, um den Mittelstand, der immerhin 90 % der Arbeitnehmer beschäftigt, zu stützen und zu einem gesunden Wachstum zu veranlassen. Ein guter Teil der Geldmenge versickert in den Banken, die mehr als genug Geld haben, mit dem Begriff Risiko- Kapital aber anscheinend nichts anfangen wollen. Immer weniger Unternehmen zahlen Steuern, wodurch die Abgabenlast auf den Bürger immer höher wird, was die verfügbare Geldmenge weiter reduziert.
Einschränkungen helfen uns hier nicht heraus...
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P.S.
Wir sollten bei allen gegenwärtigen Problemen nicht vergessen, daß ein Blick in die Vergangenheit auch neue Erkenntnisse bringen kann. Unseren aktuellen wirtschaftlichen, technologischen, aber auch sozialen Stand haben wir nur erreicht, weil wir immer mehr wollten. Es ist das Streben nach mehr - was man moralisch auch davon halten mag - daß uns nach vorne treibt. Wir haben unseren aktuellen Status nicht erreicht, weil wir uns mit dem 16 Stunden Tag, keinen Urlaub, keiner sozialen Fürsorge und Massen-Elendssiedlungen im Umfeld alles vergiftender Fabriken zufrieden gegeben hatten.
Damals wurde auch der Untergang prophezeit, wenn man den Arbeiterbewegungen mit ihren kostentreibenden Forderungen nachgeben würde. Bitte, das ist kein Exkurs in kommunistisch- frühkapitalistische Betrachtungen, sondern ein Beispiel für eine historische Fehleinschätzung. Denn es kam ja ganz offensichtlich nicht so. Damals, wie auch heute, hat man einfach vergessen, daß es nicht nur die Sicht des einzelnen Unternehmens gibt, sondern auch eine Gesamtheit. Die verhält sich nun mal anders als das einzelne Element.