Konstruktion
Die Konstruktion der Titanic II beginnt - und soll in sechs Monaten abgeschlossen sein.
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graphicMonat 1
Die ABC Company erstellt einen detaillierten Anforderungskatalog und den Soll-Terminplan. Die Reederei ist mit der konsequenten Aufeinanderfolge von Planung, Kiellegung, Rumpfkonstruktion, Maschineneinbau, Verlegung der Ölverlade- Einrichtungen, Stapellauf und Aufsetzen der Aufbauten sehr zufrieden. In mehreren Diskussionen zwischen Reederei und Herrn Maier werden die ersten Entwürfe des Anforderungskatalog akzeptiert. Die Planungsarbeiten beginnen.
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Wegen mangelnder Kapazitäten beauftragt die ABC Company Herrn Neuss mit der Zusammenstellung der allgemein bekannten Sicherheitsanforderungen. Herr Neuss ist über seine neue Aufgabe begeistert, war ja schließlich seine Diplomarbeit bereits eine Literaturarbeit. Um der Reederei schnell etwas vorzeigen zu können entwickelt er erst einmal ein Inhaltsverzeichnis und füllt es mit einigen Stichworten, wird aber später noch 120 Seiten, gespickt mit Literaturverweisen, abliefern.
Herr Reis und Frau Wiewand sind ebenfalls sehr glücklich, gleich in ein richtig großes Projekt einsteigen zu dürfen, und schlagen neue Werkzeuge vor: "Mit einer Projektplanungssoftware können wir die einzelnen Phasen detailliert vorplanen" legen sie dar. "Wir haben jederzeit einen Überblick über laufende und offene Tätigkeiten".
Der Geschäftsführer hat tatsächlich in seinem Business-Magazin erst kürzlich gelesen, daß solche Software die Planungszeiten bedeutend verkürzen könne. Herr Maier ist zwar der Meinung, daß er seine bisherigen Projekte auch so ganz gut geschafft hat, will aber neuen Systemen gegenüber nicht unaufgeschlossen erscheinen. Herr Rheinfels ist schlicht dagegen: "Wir haben zu konstruieren und nicht massenhaft Papier zu produzieren. Aufs Ergebnis kommt es an, nicht auf Formalitäten". Die Software wird dennoch eingeführt und mit ihrer Hilfe ein gut präsentierbarer Terminplan erstellt, der zur Freude aller auf knapp zwei Seiten Platz hat. Da die Software einen Top-Down-Ansatz unterstützt, also die Detaillierung von Projektaufgaben in Unteraufgaben, sieht das Projektteam einen guten Start in die weitere Planung.
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Das Team setzt sich kurz zusammen, um die Aufgabenverteilung und die Konstruktionsrichtlinien zu definieren. Klar wird dabei, daß ein modularer Aufbau anzustreben ist, bei dem jeder beteiligte Ingenieur einen Bereich selbstverantwortlich bearbeitet. Um eine einheitliche Vorgehensweise zu erzielen, einigt sich das Team auf einige wesentliche Vorgaben:
graphic Wasserleitungen werden in blauer Farbe, Stromleitungen in roter Farbe und und Ölleitungen in grüner Farbe dargestellt, der Rest in schwarz.
graphic Die Bedienung der einzelnen Maschinenanlagen soll einheitlich und konsistent sein. Das "Wie" wird sich im Projektablauf schon noch ergeben.
graphic Zur Abstimmung werden regelmäßige Meetings nach Gelegenheit und Bedarf vereinbart.
graphic Da die Zeichnungen maßstabsgetreu sind, sind nach allgemeiner Ansicht Maßangaben nicht notwendig, sondern ergeben sich aus der Zeichnung selbst: "Sie werden ja wohl mit dem Lineal umgehen können" meint Herr Maier. Es erscheint allen logisch, daß damit viel Zeit für im Grunde unnötige Tipparbeit eingespart wird.
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graphicMonat 2
Als Problem kristallisiert sich bereits jetzt heraus, daß kein Gesamtentwurf vorliegt, so daß die Einzelpläne nur ungenügend aufeinander abgestimmt sind. Den Projektmitgliedern ist aber klar, daß ein Neuanfang einen vollen Monat Zeitverlust mit sich ziehen würde, und wollen daher nicht noch einmal in einer früheren Projektphase beginnen. In Zukunft sollen sich die Teammitglieder aber stärker abstimmen.
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"Wir müssen einsehen, daß wir einen Fehler gemacht haben", so Herr Maier, "aber jetzt sollten wir auf der bestehenden Basis die Probleme lösen und nicht dem 'was wäre wenn' nachtrauern".
Herr Rheinfels sieht gar kein Problem "Bei einer so komplexen Konstruktion sind Unstimmigkeiten von vornherein zu erwarten. Das zeigt jede Erfahrung. Solche Projekte sind einfach immer im Fluß und entwickeln sich weiter". Der Geschäftsführer ist somit überzeugt und auch der Vertriebsleiter hat keine Einwände, nachdem man ihm versichert hart, daß die Termine eingehalten werden. "Wir kennen ja jetzt die Probleme und werden deshalb auch unsere Projektplanungssoftware stärker benutzen"
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graphicMonat 3
Die Reederei erhält einen aktualisierten und detaillierten Terminplan. Laut diesem liegt das Projekt in der Zeit und zeigt bereits eine Fülle erledigter und begonnener Einzelaufgaben. Zur Vertrauensbildung legt Herr Maier auch Zeichnungen vor. Der kaufmännische Leiter und der Controller der Reederei zeigen sich von den vielen Linien, den bunten Farben und der offensichtlichen Komplexität der Zeichnungen beeindruckt.
Der Projektleiter muß sich anschließend verstärkt um Probleme in Altprojekten kümmern. Herr Rheinfels und Herr Müller weigern sich, die umständliche und ihnen nicht vertraute Planungssoftware einzusetzen "Bis ich da eine Teilaufgabe quittiert habe, habe ich auf Papier schon das ganze Projekt fertig". Frau Wiegand bietet an, für die Herren die Datenpflege zu übernehmen, erhält aber nie eine Mitteilung über deren offene und erledigte Aufgaben.
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graphicMonat 4
Die Projektplanungs- und steuerungs-Software wird mangels Beteiligung nur noch zur Erstellung von Präsentationsvorlagen benutzt.
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Eine zufällige Überprüfung der bestehenden Zeichnungen ergibt, daß Herrn Weiß schwere Fehler unterlaufen sind und seine Arbeit noch einmal begonnen werden muß.
"Das ist zeitlich absolut nicht drin!" tobt der Geschäftsführer "Ändern Sie einfach die Pläne. Hauptsache, die Dinger laufen, einen Schönheitspreis müssen wir nicht gewinnen. Warum hat eigentlich keiner früher die Fehler bemerkt?". Herr Maier weist daraufhin, daß er als Projektleiter ja nicht mehr jede einzelne Zeichnung kontrollieren könne, außerdem sei er mit 80% seiner Zeit immer noch bei Altprojekten eingespannt. Er verlasse sich auf Herrn Müller. Herr Müller weist daraufhin, daß er mit einer schwierigen Aufgabe beauftragt ist und folglich keine Zeit für Kontrollaufgaben hat. Außerdem benötigt er ebenfalls 50% seiner Zeit für die Pflege von Altprojekten. Herr Rheinfels hat noch nie etwas davon gehört, daß ER seine Kollegen kontrollieren soll.
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graphicMonat 5
Im nächsten Vorstellungstermin bei der Reederei gibt sich Herr Maier sicher, alle Termine halten zu können: "Unser Team ist hervorragend motiviert und will den Erfolg". Er plaudert ein wenig über die gute Zusammenarbeit und übergibt schließlich eine beeindruckende Liste erledigter Arbeiten. Die Reederei ist zufrieden und freut sich, einen kompetenten Anbieter ausgewählt zu haben.
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Eine ganzer Satz Zeichnungen liegt jetzt vor und es sieht so aus, als würden alle gut vorankommen. Auch die Fehler von Herrn Weiß scheinen korrigiert zu sein. Das Team bemüht sich, den Rückstand wieder aufzuholen und arbeitet mit 11 Stunden täglich. Herr Krüntner und Frau Grün werden jetzt definitiv in ein anderes, neues Projekt eingeplant.
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Die Zeichner werden ermahnt, nicht so überpingelig zu arbeiten. "So werden wir ja nie fertig, wenn alles bis ins i- Tüpfelchen genau gezeichnet und geprüft wird. Wir müssen vorankommen".
Herr Müller bittet Herrn Maier, Frau Wiegand doch etwas zu bremsen. Andauernd störe sie ihn, indem sie mit ihren Zeichnungen komme und die Integration ihres Bereiches in den Rumpf durchsprechen wolle.
Herr Neuss wird vom Geschäftsführer belobigt "Schornstein und Reling sehen wirklich schnittig aus. Das sind Merkmale, die dem Kunden gleich ins Auge springen".
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graphicMonat 6
Die Einzelpläne werden zusammengefügt, um plangemäß mit dem Bau beginnen zu können.
graphic Herr Müller hat den Rumpf korrekt auf die Schleusengrößen und den möglichen Tiefgang von Panama- und Suez-Kanal abgestimmt. Leider hat er nicht berücksichtigt, daß Schiffsschraube und Ruder auch noch Platz benötigen, insbesondere, da zur Erzielung der geforderten höheren Durchschnittsgeschw. eine größere Schiffsschraube als üblich verwendet werden muß.
graphic Die beiden vorderen Tanks sind acht Meter breiter als der Rumpf. Die entsprechenden Zeichnungen des Rumpfs wurden wegen fehlender Maßangaben falsch interpretiert.
graphic Die beiden mittleren Tanks sind mit einem Kühlsystem versehen. Herr Reis hielt dies für eine technisch zukunftsweisende Idee, da bei niedrigeren Temperaturen eine geringere Verdunstung auftritt. Insbesondere bei Benzintransporten erscheint ihm dies für die Sicherheit unerläßlich.
graphic Kaum hört Herr Schwarz von der Kühlanlage zur Minderung der Verdunstung, fällt ihm siedend heiß ein, daß sein Autotank eine Entlüftung hat. Sie ist wohl nicht grundlos vorhanden. Auf dem Schiff fehlen derartige Entlüftungen.
graphic Die beiden hinteren Tanks benötigen zuviel Platz und überschneiden sich mit dem Maschinenraum.
graphic Die von Herrn Rheinfels eingeplanten Ausflugdecks, Aufenthaltsräume und das Restaurant sind nach Meinung der Geschäftsleitung überfüssig, was Herrn Rheinfels sehr verärgert.
graphic Das Gewicht der Aufbauten, die in ihrem Design allen sehr gefallen, ist voraussichtlich zu hoch. Wahrscheinlich würde das Schiff bei stärkerem Seegang kentern. Herr Neuss unterlief ein Fehler in den Materialberechnungen.
graphic Jeder Ingenieur hat die Wasser-, Druck- und Stromleitungen nach seinem Bedarf verlegt. In den Schnittstellen zwischen den Bereichen stimmen weder Endpunkte noch Durchmesser überein.
graphic Der Tank für die Maschinenanlage wurde vergessen. Alle gingen davon aus, daß die transportierten Öle zugleich die Maschinen versorgen. Herr Wankel weist darauf hin, daß laut Spezifikation unterschiedliche Ölsorten transportiert werden, die Maschine aber eine bestimmte Sorte benötigt.
graphic Herr Müller hat die Ölverladeeinrichtungen konzipiert. Herrn Neuss fällt auf, daß die in seinem Bericht vorgestellten notwendigen Sicherheitsbestimmungen weitgehend fehlen. Herr Müller behauptet, daß der Bericht unhandlich und viel zu theoretisch sei. Außerdem scheinen ihm die Bestimmungen teilweise übertrieben aufwendig und nicht praxisgerecht.
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Für die ABC Company ist dies eine Katastrophe aus heiterem Himmel. Sämtliche Pläne passen irgendwie nicht. Dabei hat das Team motiviert und mit viel Einsatz gearbeitet.
"Ich will nicht hören, was schief gelaufen ist. Ich brauche jetzt klare Alternativen, wie wir weiter vorgehen" nennt der Geschäftsführer seine Direktive. Frau Wiegand weist daraufhin, daß mehr Abstimmung während der Planung helfen könnte. "Prinzipiell haben Sie ja völlig recht" stimmt der Projektleiter zu, "aber denken Sie nur an den Aufwand den das verursacht. Wir können es uns einfach nicht leisten, so viel Zeit in Besprechungen zu stecken. Erst recht jetzt nicht mehr, denn an und für sich hätten wir diesen Monat die Planung abliefern sollen."
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Die ABC Company erarbeitet folgenden Maßnahmenkatalog:
graphic Fehlender Platz für Schiffsschraube: Der Tank Nummer 6 wird entfernt. Dadurch ist erstens Platz für den Maschinenraum, zweitens kann er nach vorne verschoben werden, womit der Rumpf geändert werden kann, um Steuerruder und größere Schraube zuzulassen. Daß die Tankkapazität dadurch auf 50.000 t abfällt muß in Kauf genommen werden.
graphic Zu große vordere Tanks: Der Maßstab der Zeichnung wird so verändert, daß die Tankgröße zur Rumpfbreite paßt.
graphic Fehlende Entlüftung: Das bereits konstruierte Kühlsystem wird in die anderen Tanks integriert. Das wird schneller gehen, als eine Entlüftungsanlage zu bauen.
graphic Unnötige Ausflugdecks: Die Ausflugsdecks und das Restaurant werden entfernt. Dadurch werden auch die Aufbauten leicht genug. Daß Toiletten und Waschräume jetzt einen alleinstehenden Aufbau am Heck des Schiffes bilden und nur über das offene Deck zu erreichen sind, erscheint dem Vertriebsleiter kein Problem "Dadurch werden Wohn- und Hygienebereich doch nur sauber voneinander getrennt. Aus medizinischer Sicht sicher zu begrüßen. Außerdem sparen wir uns die Lüftung. Und bei schlechtem Wetter werden die Leute beim Gang zur Toilette automatisch auch geduscht, hahaha".
graphic Leitungsendpunkte und -durchmesser stimmen nicht überein: Zwischen den Planungsbereichen werden horizontale und vertikale Wartungsschächte gezogen, in denen die Verbindungen zwischen den bisher geplanten Leitungen hergestellt werden. Damit kann zugleich ganz elegant auch der unterschiedliche Leitungsdurchmesser ausgeglichen werden.
graphic Treibstoffversorgung: In eine Lücke wird noch ein Zusatztank eingebaut. Herr Wankel berechnet die Fahrstrecke zu 5000 Kilometern. Wenn dies nicht reichen sollte, muß die Reederei halt' einen der Lasttanks mit einer geeigneten Ölsorte füllen.
graphic Fehlende Einrichtungen zur Sicherheit: Wird vor Inbetriebnahme noch eingebaut.
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Aufgrund der notwendigen Änderungen wird sich eine Verschiebung von zwei Monaten ergeben. Um die daraus resultierenden Mehrkosten kompensieren zu können, wird der Vertrag mit Herrn Wankel aufgelöst. Herr Neuss, der sich beim Design sehr bewährt hat, wird die weitere Konstruktion der Maschinenanlage übernehmen.
Das Projektteam arbeitet jetzt im Durchschnitt 12 Stunden am Tag.
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Die Reederei wird informiert, daß ein gemeinsamer Gesprächstermin zur Besprechung einiger aufgetretener Probleme notwendig sei.
Im Gespräch teilt die ABC Company dann mit, daß Herr Wankel leider überraschend das Unternehmen verlassen hätten. Dadurch entstehe eine Lücke gerade bei einem besonders talentierten Mitarbeitern. Die Termine müßten daher um zwei Monate verschoben werden. Die Reederei hat Verständnis für diesen absolut unvorhersehbaren Schlag. Da außerdem die Frachtrouten wie von der ABC Company erwartet immer noch nicht sichergestellt sind, stimmt sie einer Verschiebung der Projekttermine zu.
Anschließend unterrichtet die ABC Company die Reederei darüber, daß die ursprünglich vorgesehene Ladekapaizität wegen zwingender technischer Gründe nicht erreicht wird. Diesmal reagiert die Reederei sehr heftig, da dies ihre Kalkulationen nachteilig verändert, und verweist auf bereits bestehende Schiffsbauten, die alle angegebenen Anforderungen erfüllen. Der Projektleiter, Herr Maier, erklärt, daß voraussichtlich noch 54.000 Restkapazität verbleiben werden, und zweifelt auch an, ob wirklich solche Schiffe existieren. Die Reederei ist sich dessen sicher, hat sie doch erst vor kurzem ein solches Schiff besichtigt.
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Zurück in der ABC Company, teilt Herr Maier seinem Team mit, daß der Tank Nummer 5 um 4.000 t erweitert werden muß - egal wie. Dadurch kann der Maschinenraum, auch durch den benötigten Zusatztank, nicht mehr nach vorne verlagert werden. Die einzige Möglichkeit, die vorgegebenen Rumpfabmessungen einzuhalten, ist die Verwendung deutlich kleinerer Schiffsschrauben und Ruder. Herr Neuss wird mit der Prüfung dieser Angelegenheit beauftragt.
Bei der Einsicht in die bestehenden Pläne fällt Herrn Neuss zuerst einmal auf, daß Herr Wankel keinerlei Design berücksichtigte und ändert die Pläne im Sinne einer optisch ansprechenderen Maschinerie. Außerdem überlegt er sich, daß er die geringere Größe der Schiffsschraube kompensieren kann, wenn er eine höhere Umdrehungsanzahl erreicht. Er verstärkt deshalb die Einspritzpumpen, verkleinert den Tank 5 und vergrößert dafür den Zusatztank um 500 t. Die Gesamttankkapazität des Schiffes beträgt somit 53.500t.
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Das Team benötigt zwei Monate, alle Änderungen in den Zeichnungen nachzuziehen. Wegen des Zeitdrucks wird in den Originialzeichnungen radiert und ergänzt.
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graphicMonat 8
Die ABC Company meldet der Reederei die Erreichung des Planungszieles. Kopien der Zeichungen werden als Dokumentation zur Verfügung gestellt. Wegen der andauernden Änderungen sind diese zwar nicht aktuell, aber beide Seiten sind sich einig, daß die endgültige Dokumentation erst nach Projektende geliefert werden kann.
Der Baubeginn wird freigegeben.