In Eile - Hausfrauenstreß
graphic
(Autor: Ute)
Es ist Montagabend. Müde und abgekämpft schlappe ich nach einem Zehnstunden-Arbeitstag aus der Firma, schleppe mich zum Auto und denke schwer seufzend daran, daß ich noch einkaufen sollte. Hatte mich nicht schon das ganze Wochenende über der Kühlschrank in seiner Leere vorwurfsvoll angegähnt? Von meinem Mann ganz zu schweigen, der in regelmäßigen Abständen fragte: "Was soll ich essen? Es ist nichts Anständiges zum Essen da!". Er erinnerte mich in geradezu penetranter Weise an die Frau, die vor dem Kleiderschrank steht und nichts Anzuziehen findet. Immerhin befanden sich noch eine ganze Büchse Ravioli sowie ein Glas grüner Bohnen im Vorratsschrank!
Um diesem grausigen Schicksal zumindest am Wochenanfang zu entgehen, und außerdem, um auch meinem Magen wieder einmal ein anständiges Mahl zu gönnen, raffte ich mich schweren Herzens auf, noch kurz vor Ladenschluß ein Lebensmittelgeschäft in der Nähe zu stürmen. Fortuna war mir hold, es gab sogar problemlos einen Parkplatz, was wollte frau denn mehr?
Mit leicht gestiegener Laune schnappte ich mir einen dieser Einkaufswagen, die immer bremsten oder in eine andere Richtung fuhren, anstatt in die, in welche ich sie zu lenken gedachte. Auch dieses Vehikel war meiner Laune zuträglich, tat es doch nahezu genau das, was ich von ihm erwartete. Der Einkauf mußte jetzt ein voller Erfolg werden.
Durch die Gänge rasend, füllte ich mit geübten Händen mein Gefährt, während ich schon nach dem nächsten benötigen Artikel mein Adlerauge Ausschau halten ließ. Erleichtert stellte ich außerdem fest, daß ich noch eine gute halbe Stunde Zeit hatte. Dies bestätigte mir auch das freundliche Begrüßungsgrinsen der Kassiererin, die im hinteren Ladenteil die Regale auffüllte.
Dadurch wurde ich etwas gelassener, entspannte mich beinahe wieder. Meine Auswahl wurde prüfender, der Lebensmittelberg im Wagen wuchs entsprechend langsamer an. Fast hätte ich begonnen, ein fröhliches Liedchen zu pfeifen, als mich plötzlich eine wohlbeleibte Dame von hinten anrempelte, der ich wohl nicht schnell genug das Wägelchen durch die Gänge schob. Verärgert drehte ich mich um, um aus meiner beeindruckenden Höhe auf sie strafend herabzublicken. Das beeindruckte die gute Frau jedoch in keinster Weise, im Gegenteil mit einem lauten Knurren fegte sie mich samt meinem Wagen beiseite, um ihr wie auch immer gesetztes Ziel schneller zu erreichen. Kaum hatte ich mich von meiner Verblüffung erholt, preßte sich auch schon ein weiteres gesetztes und weibliches Mitglied unserer Gesellschaft in aufdringlicher Weise an mir vorbei.
In mir stieg die Wut hoch, ich hatte abzuwägen, ob ich mich nun ordentlich aufregte oder mich weiterhin mit Liebe den Einkäufen widmete. Ich beschloß das Letztere, und um mich selbst ganz zu besänftigen, packte ich nun die Schokoladenkekse doch ein, mit welchen soeben noch mein schlechtes Gewissen gerungen hatte. Die Vorfreude auf die leckeren, braunen Dinger ließ auch schließlich den kleinen Zorn in mir wieder ganz verpuffen.
In dieser wieder ausgewogenen Stimmung erreichte ich zwei Minuten später die Kasse, an deren Band bereits die kampferprobten Damen nacheinander Stellung aufgenommen hatten. Ich konnte mir nicht verkneifen, zuerst ihre Einkäufe, dann sie selbst ausgiebig zu mustern. Zeit war ja, die Kasserierin war noch immer beim Aufräumen. Beide Schlachtschiffe hatten eine enorme Ausbeute an Waren bei sich: Nummer eins war beladen mit einer kleinen Flasche Mineralwasser und einem Glasstreuer mit weißem Pfeffer, Nummer zwei hatte eine Tüte Mehl, eine Packung Kekse und denselben Pfefferstreuer schwerbeladen auszubalancieren. Des weiteren ähnelten sie sich verblüffend bezüglich ihrer Kleidung: grellbunte Bluse, biederer Rock und - Hauspantoffeln.
"Hausfrauen!" schoß mir spontan durch den Kopf. Und zwar solche, die den Montagabend nicht ohne den zum Überleben wichtigen Pfefferstreuer überstehen konnten! Dabei leistete ich aber innerlich sofort Abbitte an alle Hausfrauen, die so etwas nicht taten, andererseits würden diese sich auch kaum mit meinen zwei Freundinnen identifizieren können. Die Mädels fingen an, nervös mit den Füßen zu wippen, und griesgrämig die Köpfe zu schütteln: die Wartezeit an der Kasse dauerte ihnen mit bis jetzt rund zwei Minuten entschieden zu lang. Vermutlich harrte eine riesige Menge Arbeit ihrer - sie waren sichtlich in Eile.
Sie hatten natürlich mein vollstes Verständnis: gerade ich wußte ja, was es bedeutete, einen zehnstündigen Arbeitstag zu haben und dann noch zum Einkaufen zu hetzen, bevor mich ungeduldig der von Mann und Katzen ins Chaos gestürzte Haushalt erwartete - halt, hatte ich da nicht einen Gedankenfehler? Ach ja, die zehn Stunden Berufsleben hatten die zwei Glücklichen an der Kasse natürlich nicht ... Sie begannen nun aber, deutliche Zeichen ihrer Unmut zu zeigen. Es waren auch immerhin schon drei Minuten vergangen. Böse das Gesicht verziehend bekundigten sie laut in bösartigem Ton jedem, der es wissen wollte, sowie jedem, der es nicht wissen wollte, daß es ihnen entschieden zu lang dauerte.
In der vierten Warteminute ergriffen sie alsdann auch die Initiative. Beeindruckt konnte ich beobachten, wie sie ihre heiligen Pfefferstreuer beherzt nahmen und gegen die Metallschiene des Kassenförderbandes schlugen. Dabei betonten sie ihre unheimliche Wichtigkeit, indem sie gemeinsam: "Kundschaft, Kundschaft" plärrten. Ich war völlig von den Socken, so eine Vorführung war einem bestimmt nicht jeden Tag im Supermarkt geboten. Die hausbackenen Frauen steigerten dann auch noch das Theater und erhoben ihre Stimmen noch ein paar Oktaven lauter.
Die Kassiererin unterbrach die peinliche Vorstellung, indem sie in der fünften Minute hastig herbeieilte und verzweifelt rief: "ich komme ja schon!". Sie blickte verärgert auf alle an der Kasse Wartenden, einschließlich mich, da sie die Störenfriede nicht sofort orten konnte. Ich versuchte ihr ein bedauerndes Lächeln zuzusenden, das leider unterging. Die Matronen stählten sich, warfen sich in die gewaltige Brust und konnten 30 Sekunden später ihre Beute mit hochzufriedener Miene bezahlen. Nummer zwei stellte sich allerdings beim Beladen besonders umständlich an: während meine enorme Einkaufsausbeute in Richtung Kassenbandende rollte, wo ich eigentlich wieder in den Wagen einzuladen gedachte, blockierte sie dieses mit ihrem Warenberg. Dadurch blockierte sie mich wiederum beim Einräumen meines Vehikels, was sie jedoch in keinster Weise störte. Als sie nach weiteren drei Minuten, in denen sie plötzlich unendlich viel Zeit zu haben schien, endlich mit ihrem Kram abrückte, atmete ich erleichtert auf. Um mit der flotten Kassiererin mitzuhalten, mußte ich natürlich mein Arbeitstempo enorm steigern, schließlich hieß es die drei Minuten wieder wettzumachen. Viel Schweiß verströmend gelang mir sogar diese olympiareife Leistung, völlig abgearbeitet verließ ich den Laden.
Frohlockend - immerhin winkte mir der Feierabend immer kräftiger zu - warf ich die Überlebensrationen in mein verrostetes Kraftfahrzeug, schwang mich hinters Steuer und brauste, nun fast schon wieder in der Stimmung zu singen, los. Kaum eine Minute später erstarb mir das fröhliche Liedchen auf den Lippen: an der nächsten Ecke standen meine beiden eiligen Hausfrauen! Gemütlich gackerten sie miteinander, tratschten glücklich, klatschten selig und schenkten den Umstehenden neugierige Blicke, wobei sie den Eindruck erweckten, dieser Beschäftigung noch längere Zeit nachgehen zu wollen ...
Seltsam, plötzlich nicht mehr in Eile ...