Finckh
Ein äußerst delikates Gespräch durfte ich ebenfalls erfahren, als ich mich beim Unternehmen Hermann Finckh als Fremdsprachensekretärin bewarb. Ich wurde von zwei Herren interviewt, die links und rechts von mir sassen - das machte das Gespräch etwas mühsam für mich, ich mußte mir den Hals ständig wie beim Zuschauen bei einem Tennisspiel nach links und rechts verdrehen, um beiden die notwendige Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Äußerst irritierend war dabei, dass der Herr Personalchef entsetzlich schielte ...
Eine Stunde lang wurde ich wie so oft davon überzeugt, wie großartig die Firma Finckh sei. Es ist erstaunlich, dass jedes Unternehmen einzigartig, großartig und überwältigend ist, wenn man als Bewerber(in) im Vorstellungsgespräch sitzt. Arbeitet frau/man später in der Firma, lässt diese Großartigkeit leider allzuschnell nach ... bzw. ist nicht feststellbar.
Endlich durfte ich auch meine inneren Qualitäten an die Männer bringen: ich berichtete kurz von meinem Werdegang, Abitur mit Fremdsprachen, Bankausbildung und meiner Arbeit auf der Bank, die vor allem aus selbständigem Erstellen von Korrespondenz und Avalurkunden in deutsch, englisch und französisch bestand. Die Herren schienen recht angetan, während der Herr Geschäftsführer noch brütete, jubilierte bereits der Personalchef. "Sehen Sie mal", meinte er, "eine Ausbildung bei der Deutschen Bank, gearbeitet bei der Deutschen Bank - und der Vater arbeitet bei Daimler!!!" Ich war verblüfft über diese Emporstellung, so hatte ich das noch nie gesehen, der Herr Geschäftsführer nickte bedächtig mit dem Kopf: "Ja, ja, bei der Deutschen Bank habe ich einstmals auch ein Praktikum gemacht und einer meiner Onkel arbeitet auch dort." Das gab augenfällig Pluspunkte - wenn ich auch nicht verstand warum. Daimler fiel beim Herrn Geschäftsführer nicht so schwer ins Gewicht - er bevorzugte sein ganzes Leben lang BMW ... Sie sahen sich tief in die Augen, rangen mit einer Entscheidung. Da setzte der Herr Personalchef dem Fass die Krone auf: voller Begeisterung rief er aus: "Ja, und schauen Sie mal, das Große Latinum hat sie auch noch!!!!" - und ich bekam den Job ... (zuweilen bedauerte ich dann, jemals das Große Latinum gemacht zu haben ...).
Die Auswahlkriterien überwältigten mich wirklich - und überwältigen mich auch noch bei heutigen Gesprächen ...