Das klassische Zeitalter
Wie es in den Gesängen an den Lagerfeuern erzählt wird:
"Die helle Morgensonne sandte ihr gleißendes Licht durch die letzten schwachen Nebelfetzen des Morgengrauens und entriss den zwischen zwei Hügeln gelegenen, uralten Kampfplatz der Dunkelheit der Nacht. Das weiche, noch vom Morgentau feuchte Gras dampfte in der ersten Wärme, die wie jeden Tag die angenehme Kühle der Nacht verscheuchte und nachmittags auf die deckungslose, weite Steppe im Umkreis vieler Tagesreisen brennen würde.
Es war an diesem Morgen, dass sich Ch'kal, der Krieger, und sein namenloser Widersacher auf den beiden Hügeln gegenüber standen, so wie es Tradition war in diesem alten, stolzen Land, nur zu gut bekannt für die edle Zucht seiner Hengste und genauso sehr gefürchtet ob der kühnen Unerschrockenheit seiner Reiter.
Ch'kal war der stolze Herr seines Stammes, kühn im Angriff, schlau in der Verhandlung, weise im Frieden, unangefochtener Kriegsherr, aber auch sanft in der Liebe, und begehrt bei allen Jungfrauen, deren Herzen bei seinem Anblick dahinschmolzen. So manchen Kampf hatte er schon überstanden, und die Weisen lobten seine Gewandheit, verglichen ihn mit Attillas, dem ersten Fürsten der Stämme, der die wilden Morgulen vertrieben und dem Volk diese Ebene und die Pferde gegeben hatte und dessen Taten seit Jahrhunderten an den Lagerfeuern besungen wurden.
Sein nie stumpf werdendes, aus Zwergenstahl geschmiedetes Schwert Scharfzahn kampfbereit in der Faust (gewonnen in blutigem Ringkampfe am Tage seiner Mannwerdung vom Troll Galgol) geschützt von seinem nachtschwarzen Lederpanzer, der von hundert eingenähten Silberringen verstärkt wird, ein jeder das liebevolle Geschenk einer glücklichen Frau nach einer erschöpfenden, aber befriedigenden Nacht, stand er ruhig im Morgenwind und betrachtete seinen Gegner. Seine scharfen, eisgrauen Augen, die sicher jedes verloren gegange Fohlen noch am Horizont entdecken konnten, musterten jede Bewegung der schäbigen Gestalt, die es gewagt hatte, ihn zu beleidigen und seinen Stamm herauszufordern, ein Vergehen, für das in diesem unbarmherzigen Land nur der Tod ausreichende Strafe war.
Der Morgule, klein und krummbeinig von Gestalt, reichte Ch'kal gerade bis zu den breiten Schultern. Sein Gestank beleidigte Ch'kals Nase selbst in der reinen Morgenluft und aus dieser Entfernung und wurde von dem schmutzigen, schlammbedeckten Reitermantel eher verstärkt anstatt zurückgehalten. Das feiste Gesicht mit den kleinen, bösartigen Augen wurde von einem Mund geteilt, dessen einziger möglicher Ausdruck Gehässigkeit zu sein schien. Eine von zu häufigen Schlägen plattgedrückte Nase erhob sich in einem Gesicht, das von mehr Narben verunstaltet war, als dass das Wort häßlich dem hätte gerecht werden können und, allen Göttern sei Dank, ein schmieriger, pelzbesetzter kleiner Bronzehelm verbarg den Schädel und das verfilzte Haar dieses Wilden. Seine Bewaffnung bestand aus einem lächerlichen Speer, eine Waffe ohne Ehre, und schien schon seit Jahren mit dem Morgulen und seinem Schmutz verwachsen zu sein.
Fast tat Ch'kal, dem Krieger, der Morgule leid, aber die Steppe kennt kein Mitleid, und Ch'kal war ein Kind der Steppe, ihrer gnadenlosen Weite, dem steten Flüstern der trockenen Winde und dem mächtigen Donnern der Hufe in den weiten Ebenen.
Dann, als die Sonne endgültig den Kampf gegen die Nebel gewann und den Platz erhellte, hob er sein Schwert in das Licht, und der Stahl ergleißte erst blendend wie eine Fackel aus purem Weiß, dann sanft aber mächtig wie eine Blume in dürrer Wüste. Wie ein Fanal stand Ch'kal da, ein Gott der Krieger, dann ließ er sein Schwert sinken und ging den Hügel hinab zu dem Rund, das zwei betreten und nur einer verlassen würde.
In der Mitte, keine zehn Schritte voneinander entfernt, begegnen sie sich und blicken einander an als die Todfeinde, die sie sind. Lange sucht Ch'kal in dem wachsstarren Gesicht seines Gegenübers nach einer Regung, einer Bitte um Verzeihung, die abzulehnen er nicht hätte verweigern dürfen, die zu gewähren aber noch grausamer gewesen wäre als der Tod, denn in diesem Land zählt ein Mann ohne Mut weniger als ein Weib und mehr als gnädig war, wer ihn zusammen mit den Hunden sich um die Reste der Lagerfeuer balgen ließ.
Dann speit der Morgule aus, ekelerregenden gelben Schleim, beschmutzt den Hohen Ring, in dem der Stamm bereits seit Menschengedenken seine Duelle austrägt, eine letzte, widerliche Beleidigung. Ch'kal knurrt, stößt einen kurzen Fluch aus und schwört sich, diesen Fleck auf der Ehre seines Volkes mit den Gedärmen dieses erbärmlichen Wurms fortzuwaschen, ihm diese tief in den Rachen zu stopfen, auf das der räudige Hund daran ersticken möge. Wut übermannt ihn, er sieht den Morgulen wie in einem Nebel aus Blut, und mit einem Knurren wie ein Wolf, der sein wehrloses Wild stellt, packt er Scharfzahn mit beiden Händen, schwingt es mit einer kaum wahrnehmbaren Anspannung seiner mächtigen Schultermuskeln über seinem Haupt und dringt auf den Morgulen ein, diesen Abschaum zu zerschmettern und seiner Rache wilden Lauf zu lassen.
Das Schwert schwingt herab, knochenzermalmend frißt es sich durch die Luft auf den Morgulen zu, bereit, ihn zu zerteilen, sein Fleisch zu zerreissen und sein Blut zu schmecken. Nur das Fauchen zerteilter Luft ist zu hören, als der Morgule gemein und feige zur Seite weicht, dann ein heller Schlag wie von einer zerspringenden Bronzeglocke, als das Schwert auf den Boden trifft und zerbricht.
Als einen Lidschlag darauf die stumpfe, rostzerfressene Speerspitze in Ch'kals Kehle dringt, den Lederpanzer missachtend, klingen die Silberringe ein letztes Mal auf, wie ein entsetzter Schrei aus hundert Frauenkehlen, und Ch'kals letzter verzweiflter Gedanke zuckt durch sein sterbendes Gehirn:
o scheisse scheisse scheisse warum ist dieses stück scheisse nicht wie alle anderen davongelaufen als ich meine schau abgezogen habe, o scheisse es tut so weh so weh so weh so...