Bauende und Stapellauf
Der Endausbau beginnt. Nur noch einige Monate, und der Stolz der ABC Company wird seine Fahrten aufnehmen können.
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graphicMonat 19
Die Aufbauten sind fertig. Die Reederei moniert das abseits stehende Toilettenhaus. Sie befürchtet, daß bei Sturm Personalverluste zu erwarten sind. Die ABC Company kommt ihrem Auftraggeber kulanterweise entgegen und errichtet ohne Berechnung von Zusatzkosten einen Laufgang.
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graphicMonat 20
Die Aufbauten sind fertig und das Schiff wird erneut zu Wasser gelassen. Die Erprobungsfahrten beginnen. Der Reederei wird mitgeteilt, daß die Auslieferung nun endgültig in Monat 21 stattfinden wird und keine weiteren Probleme zu erwarten sind. Die Schulung der Schiffsbesatzung wird ebenfalls für diesen Monat angesetzt.
Bei den Probefahrten werden weitere Mängel entdeckt:
graphic Die geforderte Geschwindigkeit wird nicht erreicht. Herr Neuss besorgt sich nun doch endlich ein Fachbuch über Motorentechnik und erfährt verblüfft, daß ein Mehrverbrauch an Treibstoff nicht zwangsläufig zu entsprechend höherer Leistung führt.
graphic Der Schiffskörper ist nicht steif genug, um höheren Wellengang zu verkraften.
graphic Das Kühlsystem fällt immer wieder aus.
graphic Die Bedienung der Geräte und Maschinenanlagen ist wegen fehlendem einheitlichen Bedienungskonzeptes und mangelnder Integration zu kompliziert. Es erscheint sicher, daß eine Mindestbesatzung von 12 Personen notwendig ist.
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"Davon lassen wir uns jetzt nicht mehr aufhalten" ist die Ansicht des Geschäftsführers. "Das Projekt hat uns mittlerweile derartig viel gekostet, daß wir es endlich zu einem Abschluß bringen müssen". "Die Anforderungen des Kunden sind in vielen Punkten einfach übertrieben und nur schwer miteinander zu vereinbaren. Mit dem veranschlagten Budget können wir einfach keine eierlegende Wollmilchsau erstellen" stellt der Projektleiter klar. "Allein diese ganzen unsinnigen Sicherheitsbestimmungen" seufzt Herr Müller. "Die Tanker unter liberianischer Billigflagge kommen doch auch ganz gut ohne aus."
Der Rumpf wird mit weiteren Stahlträgern und seitlich angebrachten Schlingerkielen verstärkt. Das Betriebshandbuch wird dezent mit einer Fußnote versehen, daß nur eine Beladung mit 50.000 t (anstelle der prinzipiell möglichen 53.500 t) empfohlen wird. Die niedrigere Geschwindigkeit muß in Kauf genommen werden, es wäre sowieso nicht sicher, daß die provisorischen Sockel der Maschinenanlage eine höhere Umdrehungszahl verkraften würden. Ein Umbau kommt leider nicht mehr in Frage, da dazu das halbe Schiff demontiert werden müßte. Dem unerwarteten Mehrbedarf an Besatzung will die ABC Company mit einer intensiveren Schulung begegnen.
Die Umbauten werden einen weiteren Monat Zeit benötigen.
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Zusammen mit der Reederei wird der Schulungsplan durchgesprochen. Während der Gespräche ergibt sich, daß viele Mitarbeiter der Reederei zum Monat 21 in Urlaub gehen werden. Die ABC Company schlägt daher vor, die Schulung in den Monat 22 zu verschieben, damit die Reederei nicht zu sehr belastet wird. Der Reederei ist ein weiterer Monat Verzögerung mittlerweile auch schon egal, sie ist froh, daß der Projektabschluß endlich vor der Türe steht, und stimmt daher zu.
"Da die Reederei das Schiff schon nicht im Monat 21 benutzen kann," so fährt die ABC Company fort, "kann das Schiff auch weiterhin am Austüstungskai für letzte Verbesserungen liegenbleiben.".
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Die ABC Company arbeitet mit Hochdruck daran, das Schiff auslieferungsfähig zu machen. Projektteam und Wertarbeiter setzen sich mit bis zu 14 Stunden täglich ein.
Noch fehlende Leistungsmerkmale werden nach Möglichkeit in die spätere Gewährleistung verschoben. Aufwendige Anzeige- und Kontrollpulte werden durch einfachere Leuchtlampen ersetzt. Das Pumpsystem der Tankanlagen wird in aller Eile eingebaut und soll während der Erprobungsfahrten getestet werden.
"Vordringlichstes Ziel muß jetzt die Betriebsfähigkeit des Schiffes sein" erläutert der Projektleiter die langfristige Drei- Wochen-Planung. "Dazu gehören Schwimmfähigkeit, laufende Motoren und funktionierende Ruderanlage. Betankt wird das Schiff erst nach der Erprobung, also können wir das Tanksystem während der Schulungsfahrten problemlos testen."
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graphicMonat 21
Nach mehrmaligen Mahnungen der Reederei beginnen die Schulungsfahrten Ende des Monats 21.
Die auszubildenden Besatzungmitglieder beklagen sich von Anfang an über die umständliche Bedienung der Anlagen. Außerdem äußern sie sich verwundert über die verchromten Treibstoffleitungen und Zylinderköpfe der Maschine. Sie schlagen eine Änderung des Schiffsnamens in "Harley D." vor. Weiterer Kritikpunkt sind die vielen fehlenden oder fehlerhaften Funktionen.
Die Beschwerden dringen bis zur Geschäftsleitung der Reederei vor, diese läßt sich aber vorläufig davon überzeugen, daß ein Tankschiff nun einmal kein 08/15-Dampfer und die Bedienung daher komplizierter ist. "Die Fehler werden allesamt noch" so sichert die ABC Company zu, "in der Gewährleistung und schnellstmöglich beseitigt."
Die Reederei erhält eine Rechnung über weitere 30% der Auftragssumme, fällig mit der nun erfolgten Übergabe des Schiffes.
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Herr Neuss ist sauer: "Da gibt man sich soviel Mühe mit einem ansprechendem Design und denen fallen nur dumme Witze ein. Kaum bietet man einem Anwender was anderes als gewohnt, überschreitet man seinen geistigen Horizont".
Der Projektleiter wendet sich lieber vorbeugend an seinen Geschäftsführer "Wir werden Probleme bekommen. Das Personal ist unterqualifiziert. Ein Schiff dieser Komplexität benötigt einfach acht qualifizierte Ingenieure, keine einfachen Matrosen."
Die anderen Projektmitarbeiter unterstützen Herrn Maier: "Die verstehen die Zusammenhänge nicht und beschweren sich dann über alles Mögliche" so Herr Rheinfels. "Sage ich doch neulich erst zum Rudergänger: 'Um nach Steuerbord zu wenden, betätigen Sie einfach den Knopf für *Starte Kommando*, anschließend legen Sie den *Richtungshebel* nach Steuerbord, stellen auf der *Wendungsskala* einfach den Wert in Dezimalgrad ein, um den das Ruderblatt nach Steuerbord gehen soll, und betätigen dann den grünen Start-Knopf. In Nullstellung versetzen Sie das Ruder, indem Sie den roten Stop-Knopf drücken'. Fängt der doch zu Meckern an, normalerweise gäbe es dafür einfach ein Ruderrad, an dem er drehen könnte." "Nein, wirklich" seufzt Herr Rheinfels, "die Leute wollen sich einfach an nichts Neues gewöhnen."
"Sehen wir es von der positiven Seite" beruhigt der Vertriebsleiter seinen mittlerweile nervösen Geschäftsführer beim Cognac: "die kaufmännische Leitung der Reederei hat noch nie selbst ein Schiff gesteuert. Da können sich die Reederei- Mitarbeiter beschweren so viel sie wollen, eher werden die für zu dumm gehalten, als daß wir die Schuld zugeschoben bekommen."
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Während der Schulungsfahrten erweist sich als glücklicher Umstand, daß das Personal nicht mit der Bedienung der Maschinenanlage zurechtkommt und daher nicht feststellen kann, daß das Schiff die ursprünglich geforderte Geschwindigkeit nicht erreicht.
Die Überprüfung der Tankanlagen muß entfallen, da die Schulfahrten auf hoher See stattfinden und ohne Betankungsstationen auch keine Betankung getestet werden kann. Nach gründlicher Durchsicht der Pläne scheinen aber keine Mängel vorzuliegen.
Die Projektmitarbeiter haben jetzt fast zwei Jahre lang mit nur minimalen Urlaub bei einer hohen Zahl täglicher Überstunden gearbeitet. Der Zusammenhalt ist erstklassig, alle fühlen sich fit, geistig auf der Höhe und sind der Meinung, mit ihrer Arbeit zusammen gewachsen zu sein.
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graphicMonat 22
Nach Abschluß der Schulfahrten erklärt die ABC Company das Schiff bereit zur Abnahme. Die Reederei erhält daraufhin vertragsgemäß vier Wochen Frist zur Feststellung von Fehlern. Danach erfolgt die Abnahme mit Fälligkeit der letzten Zahlung über 10% des Kaufpreises. Ab der Abnahme gilt die sechsmonatige Gewährleistung.
Die Reederei versucht verzweifelt eine Fehlerliste zusammenzustellen, kann aber nur einen kleinen Teil der Funktionen überhaupt testen. Die Fehlerliste bezieht sich daher zwangsläufig meist nur auf optische Mängel.
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graphicMonat 23
Die optischen Mängel wurden beseitigt und die Abnahme erfolgt. Die ABC Company erstellt die Abschlußrechnung.
Die Reederei bemängelt jetzt, daß die vorgehene Besatzungsstärke konstruktionsbedingt nicht ausreiche. Ihrer Ansicht nach ist eine zwölfköpfige Besatzung erforderlich.
Die ABC Company verweist darauf, "daß die Schulfahrten mit genau acht Mitarbeitern der Reederei durchgeführt worden seien. Zu bedenken sei, daß am Anfang immer eine gewisse Eingewöhnungsphase vorliege, bis die Besatzung optimal mit dem Schiff umgehen kann. Danach gebe es sicherlich keine Probleme mehr."
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graphicMonat 24
Die Reederei ruft wütend an. Das Schiff liege in Rotterdam, könne aber nicht betankt werden, da es Schwierigkeiten mit der Tankanlage gebe. Die ABC Company entsendet sofort einen der Projektmitarbeiter.
Die Tankanlage weist mehrere Fehler auf:
graphic Mehrere Rückschlagventile sind gegenläufig ausgerichtet.
graphic Die Leitungssysteme der beiden vorderen Tanks haben zu geringe Durchmesser. Dadurch können sie nicht mehr mit Schweröl beladen werden. Ursache ist die Maßstabsveränderung in der Planungsphase.
graphic Mehrere Pumpen sind zu schwach dimensioniert. Der zuständige Planer berechnete Konsistenz und Strömungsquerschnitte mit eigenen Faustformeln, die leider nicht mit den gängigen Lehrbüchern übereinstimmen.
Die Reederei fordert von der ABC Company eine schriftliche Stellungnahme und Schadensersatz für die Kosten der zusätzlichen Liegezeiten. Die ABC Company verweist auf die erfolgte Abnahme und auf den Vertrag, laut dem sie nur für grob fahrlässige oder vorsätzliche Fehler hafte.
In der Zwischenzeit verweist die Hafenmeisterei das Schiff aus dem Hafen, da wichtige Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten werden.
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graphicDas Ende
graphic Die Titanic II bedient Handelsrouten zwischen Südamerika, Afrika und Indien, da hier keine Probleme mit Sicherheitsvorschriften vorliegen.
graphic Die Besatzungsstärke beträgt nach mehreren Versuchen, das Ausbildungsniveau zu heben, mittlerweile zwölf Mann.
graphic In den Wintermonaten wird die Route um Südafrika nicht benutzt, da die Reederei wegen der nachträglich angebrachten Stützpfeiler kein Vertrauen in die Statik hat.
graphic Die vorderen Tanks werden nur mit Leichtöl gefüllt, Schweröl kann nicht durch die zu engen Leitungen gepumpt werden.
graphic Reisen über den Pazifik sind nicht möglich, da die Reichweite und die mögliche Geschwindigkeit des Schiffes in keiner Weise den ursprünglichen Erwartungen entsprechen.
graphic Die Reederei hat mehrere Routen an die Konkurrenz verloren.
graphic Das Schiff arbeitet mit Verlusten. Die Anschaffung eines anderen Schiffes ist aber nicht mehr möglich. da die Reederei nicht noch einmal die dafür notwendigen Mittel aufbringen kann.
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graphicWer hat Schuld?
graphic Die Reederei hat den Auftrag erst nach gründlicher Untersuchung mehrerer Angebote vergeben. In den Vertrag wurden von Anfang an alle notwendigen Anforderungen aufgenommen. Die aktuellen Arbeitsergebnisse wurden mehrfach von einem Vertreter der Reederei geprüft. Auch hat sich die Geschäftsleitung mehrmals persönlich des Projektes angenommen.
graphic Die ABC Company ist sich keiner Schuld bewußt. Sie hat von Anfang an einen Anforderungskatalog erstellt und ein Projektteam aufgebaut und die gesamte Zeit über zusammengehalten. Die eingebrachten Arbeitszeiten beweisen, daß das Projektteam sehr engagiert gearbeitet hat. Die Verzögerungen sind aus Ihrer Sicht nicht von ihr zu verantworten, sondern entweder durch nicht beinflußbare externe Faktoren oder aus einfach bei Schiffsbauprojekten unvermeidlichen Fehlerquellen entstanden.
graphic Die Mitarbeiter haben ihr Bestes gegeben. Überstunden und Urlaubsverzicht beweisen ganz deutlich das eingebrachte Engagement. Sicherlich hat man viel gelernt, und das nächste Projekt würde man natürlich anders angehen. "Das ist einfach die dauernde persönliche Weiterentwicklung" nennt Herr Maier die Lernprozedur "Mit jedem neuen Projekt lernt man neue Dinge hinzu".