Aus Stein und Eis
(Autor: Olli, 13.12.98)
Um ihn herum war nur eisige Kälte, knapp über dem absoluten Nullpunkt. Nicht daß es jemanden störte, denn hier draußen gab es nie etwas, das Kälte hätte spüren können. Hier draußen gab es nur ihn.
Wer ihn hätte sehen können (nicht, daß es jemals jemanden oder etwas gegeben hätte), hätte nie geglaubt, daß er in einem feurigen Kataklysmus chaotisch zusammenstürzenden, brennenden Wasserstoffs geboren wurde.
Ein Trümmerstück aus Stein und Eis.
Er trieb nun schon solange zwischen den Sternen, daß sich selbst das Rad der Milchstraße in seinem langsamen Tanz mehrfach gedreht hatte.
Nicht daß je jemand dieses majestätische Kreisen gesehen hätte. Hier draußen war nur dieses kleine Stück Stein und Eis. Gefroren bis ins Herz, stumm, blind und tot.
Eigentlich nicht tot - noch nie lebendig. Einfach ein Ding. Dahintreibend. Physikalischen Gesetzen unterworfen, die seine Bahn bestimmten. Bis ans Ende aller Zeiten.
Gelegentlich - alle paar Millionen Jahre - ändert ein Stern seinen Weg. In einem langen, langen Bogen treibt er dann in eine andere Richtung weiter.
Mit soviel Beharrlichkeit, ohne Denken, ohne Sein, überwindet er Strecken, für die selbst das Licht Jahrtausende benötigt.
Ein kleines Stück Stein und Eis.
Irgendwann schubst ihn ein Stern in Richtung auf eine Sonne. Auf seinem Weg dorthin nähert er sich einem anderen einsamen, blinden und gefrorenen Stückchen Stein - auf zwei, drei Milliarden Kilometer oder so. Wieder ändert sich seine Bahn ein wenig, und sanft nimmt er Kurs auf den Raum zwischen den Planeten.
Der Größte von ihnen fängt ihn ein und wirbelt ihn erneut auf eine andere Bahn.
Jahrmillionenlang trieb er einfach so dahin. Jetzt fällt er, mit einer Geschwindigkeit, die alles übertrifft, was sich zwischen den Planeten bewegt. Seine Oberfläche heizt sich auf, getroffen von einer Glut, die der Stein zwischen den Sternen nicht kannte. Fürchterliche Spannungen brechen seine Oberfläche auf, erschüttern seine Gestalt bis tief in das gefrorene Herz hinein. Material dampft ab und bildet einen wehenden Schweif hinter ihm.
Es ist nur ein Stück Stein und Eis. Nur ein Ding. Ohne Denken, ohne Schmerzen, ohne Wollen. Kein Ziel, kein Wunsch, kein Traum. Wo es nichts gibt, um ihn zu sehen, ihn wahrzunehmen, dort IST er auch nicht. Er hat Milliarden Jahre lang existiert, aber er war nie DA.
Auf seinem Weg zur Sonne wird er immer noch schneller. Um 18:30 Uhr Ortszeit schlägt das Trümmerstück aus Stein und Eis und mit der Masse des nordamerikanischen Kontinents in den Pazifik ein.
In weniger als zwei Sekunden durchquert es die Atmosphäre. Eine Schockwelle verdrängter Luft peitscht um die Welt, schneller als der Schall. Ein blendender Blitz zuckt auf und verbrennt alles auf tausende Kilometer Umkreis. Wie eine Bleikugel durchstößt es die schwache Erdkruste und jagt eine donnernde Schockwelle in den Erdmantel hinein. In einem gigantischen Energieausbruch wie von einer Million Atombomben zerbirst es in zehntausend glühende Trümmerstücke, zerfetzt das halbe pazifische Becken. Erdbebenwellen rasen durch und um den Erdkörper, zerschmettern die Oberfläche so vollständig wie eine Flutwelle kochenden Wassers dünnes Eis auflöst. Auf der gegenüberliegenden Seite der Welt treffen die Erdbeben wieder zusammen und sprengen ein Bruckstück so groß wie die Alpen in den Weltraum hinaus.
Eine Million Jahre hatten die Menschen Zeit. Sie haben geliebt, gehaßt, sich vermehrt, sich getötet. Sie haben Reiche und Werke errichtet und dem treibenden Sand anheim fallen lassen. Sie kämpften ihre kleinlichen Spiele um Macht, Geld und Statussymbole und nannten es überleben. Sie ließen zu, daß ihr Bewußtsein nur bis zur nächsten Straßenecke reichte und nannten es das Konzentrieren auf das Wesentliche. Den Planeten zu ordnen und in den Raum vorzudringen schien ihnen nicht wichtig. Eine Million Jahre widmeten sie ihren kleinlichen Machtspielen. Eine Million Jahre lang verschwendeten sie ihr Bewußtsein. Jetzt gibt es sie nicht mehr.
Es gibt viele kleine Brocken aus Stein und Eis da draußen. Sie denken nicht, sie fühlen nicht, sie haben keine Wünsche. Aber sie sind immer unterwegs.